Aus dem aktuellen Heft 89


 

 

Johannes John:

 

Abschiedstour und andere Mätzchen – Plädoyer für eine Regeländerung

 


 

Mit den eineinhalb bis zwei Minuten, bis dann ein Freistoß in aussichtsreicher Position zur Ausführung kommt, hab ich ja inzwischen meinen Halbfrieden gemacht. Das Spiel ist sichtbar schneller geworden, die athletischen Anforderungen mithin gestiegen, da dienen solche Anlässe simpel als Verschnaufpausen.

 

Das Weiterreichen der Bälle beim Einwurf an den jeweils nächsten Mitspieler, bis dann einer gefunden ist, der offensichtlich über zwei intakte Arme verfügt, anschließend das Suchen und Finden möglicher Mannschaftskameraden, bei dem locker auch mal eine halbe Minute verstreicht (von der schwedischen Mannschaft, wie ich aus empörten Kommentaren der im Achtelfinale unterlegenen Schweizer las, offensichtlich als ,taktisches‘ Mittel eingesetzt) bis hin zu den ärgerlichen Unsportlichkeiten eines Kilian Mbappé und Paul Pogba in der Nachspielzeit gegen Belgien: was ,Profis‘ halt so machen, um – so die umlaufende Sprachregelung – „Zeit von der Uhr zu nehmen“. Man kennt die Mätzchen und ist wenig amused, zuweilen genervt, oft auch angewidert.

 

Auch nicht die Häufung der Todeskämpfe, die diese „beste aller Weltmeisterschaften“ (was auch sonst) diesmal besonders charakterisierte: ob bei Fouls auch minderer Art, bei Kontakten mit dem Spielgerät, beim Blick auf die Uhr.

 

Inzwischen scheint jedoch – nachdem die Tendenz zur Rudelbildung unausrottbar scheint – eine weitere Unart besonderer Art epidemisch um sich zu greifen, gegen die – und hier hört alle Ironie auf – baldmöglichst energisch eingeschritten werden sollte. Wann immer nämlich ein Spieler zur Auswechslung anstand, spielte sich – natürlich bei der jeweils im Vorteil befindlichen Mannschaft – dasselbe öde Ritual ab. Zunächst „scheint“ der betroffene Feldspieler, obgleich die Nummernschilder auch über den Bildschirm im Stadion unübersehbar eingeblendet wurden, dies schlicht nicht bemerkt zu haben. Darauf aufmerksam gemacht, war die Reaktion pure Überraschung plus Entschuldigung für die eigene Schusseligkeit: Akt 1 des Schmierentheaters.

 

Sodann begann, meist weit entfernt vom Übergabepunkt an der Mittellinie, eine Abschiedstournee, die alles Vergleichbare von Deep Purple, Pink Floyd, den Puhyds bis zu Elton John und Paul Simon locker in den Schatten stellt. Nicht nur, dass, soweit verfügbar, zunächst der bis dahin bekämpfte Kontrahent die Pranke gereicht bekam, auch der Schiedsrichter musste bedankt und verabschiedet werden, bevor dann jeder Mitspieler einzeln abgeklatscht, umarmt und mit diversen Ratschlägen mit oder ohne Schutzhand vor der Goschn versorgt werden musste. Die Torhüter sind meiner Erinnerung bislang von diesem Defilee verschont worden, noch. Waren dann alle abgebusselt, war der Abgang freilich noch längst nicht beendet, schließlich galt es ja noch, das Publikum seiner einzigartigen Existenz nochmals zu versichern. Was üblicherweise mit Klatschbewegungen über Haupteshöhe geschah und von synchronen Pirouetten begleitet wurde. Zuletzt wurde dann auch der zur Einwechslung bereit stehende Kollege noch mit intensiven Umarmungen und raunenden Verbalbeschwörungen bedacht, bevor sich der Zirkus dann – endlich außerhalb des Spielfelds – mit Trainer, Betreuerstab und Ersatzbank fortsetzte. Und wenn sie nicht gestorben sind, verzögern sie noch heute.

 

Hierzu ein kleiner Seitengedanke, der die meisten der Abgänger freilich intellektuell überfordern dürfte. Ob nun der Auszuwechselnde seinen taktischen Vorgaben nicht gerecht wurde, wiederholt Mist gebaut hat oder aber, um Gerechtigkeit walten zu lassen, sich bis zur Erschöpfung verausgabt hat oder sich anderweitig waidwund daherschleppt: unbestreitbar jedoch ist er von den Elf auf dem Rasen momentan der Entbehrlichste – also erst recht kein Grund für Showeinlagen irgendwelcher Art.

 

Höchste Zeit deshalb, um es humorlos zu fordern, derlei Unsportlichkeit ohne große Vorwarnung mit einer Verwarnung zu ahnden, und für wen’s dann eventuell ein misses next match wäre – grad recht und selber schuld.

 

Warum dieser Appell nicht unter der WM-Nachlese steht? Weilʼs mir in dieser krassen Unsportlichkeit in diesem Jahr erstmals beim CL-Halbfinalrückspiel der Bayern in Madrid aufgefallen ist, als Marco Asensio seinen Abgang in der eben skizzierten Form noch dadurch krönen zu müssen glaubte, dass er noch auf dem Spielfeld die Stutzen herabschob, umständlich seine Schienbeinschoner herausnestelte, um diese dann beifallklappernd hoch überm Kopf dem Publikum zu präsentieren. In diesem Moment, Claus ist mein Zeuge, sprach ich die Verwünschung aus, Real möge deswegen das Finale gegen Liverpool aber sowas von verlieren.

 

Genutzt hat’s bekanntlich nicht, aber als die Spanier gegen die Russen nach dem letzten versemmelten Elfer ans Kofferpacken gehen mussten, fiel’s mir als notorisch nachtragender Mensch nicht schwer, die richtigen Verbindungslinien zu ziehen: „Denn alle Schuld rächt sich auf Erden.“


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