DER FUSSBALL IST TOT

 

„Reduzierung einer wunderschönen und vielfältigen Sache auf ein paar simpelste Dimensionen: Gewinnmaximierung, Expansion, zentrale Steuerung. Ohne dabei auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Beteiligten zu achten.“

 

Birgitt Glöckl, Leiterin der Deutschen Akademie für Fußball-Kultur mit Sitz in Nürnberg, der Stadt des Rekordmeisters 1. FC Nürnberg, zumindest bis 1986, im Interview mit Stefan Erhardt zum Trauerjahr, das die Akademie für 2019 ausgerufen hat.

 

DtP: Die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur befindet sich in tiefer Trauer – vor kurzem veröffentlichte sie Traueranzeige und Sterbebildchen, worin der Tod des Fußballs beklagt wird. Warum das denn?

 

Birgitt Glöckl: Was mit dem traurigen Ableben des Fußballs gemeint ist, erschließt sich intuitiv sofort, behaupten wir mal. Es lässt aber reichlich Diskussion offen. Uns geht es noch mehr um den Prozess des Trauerns als um die genaue Analyse der Zersetzung des Leichnams. Oder um die Frage, welche Made sich wann wohin gesetzt hat...

 

So ein Trauerjahr – denn „Der Fußball ist tot." heißt unser Jahresmotto 2019 – wird in jeder Familie anders aufgefasst. Indem man hingeht und Totenwache hält; in stiller Einkehr; laut wehklagend, anklagend. Oder man kann im engsten Kreis gemeinsam überlegen, warum man ihn eigentlich so gemocht hat.

 

DtP: Aber IST der Fußball denn tatsächlich tot? Die Ligen boomen, es wird bald einen dritten europäischen Wettbewerb geben, die Nations League ist ins Leben gerufen worden, immer mehr Plattformen gibt es, die Fußball übertragen – mehr Leben geht doch gar nicht…

 

BG: Nunja, da stehen wir vor der Frage von Quantität und Qualität. Was macht Fußball eigentlich zum Fußball? Ichsachma: Spiel- und Fankultur fair, kreativ, divers: gut. Grenzenloses Macht- und Profitstreben: ganz ganz böse. So schlicht kann man es ausdrücken. Aber jetzt versuche das mal sauber zu trennen. Einfachste Antwort: Früher war alles besser. Es ist allerdings komplizierter. Freilich springen einem die Fakten im Bereich Kriminalität, persönliche Bereicherung und Ausbeutung ins Auge. Manche Beteiligte sind diffus unglücklich, andere leiden ganz konkret, und wir sehen es als unsere Aufgabe, uns deren Anliegen genauer anzusehen.

 

DtP: Hat denn die Akademie dazu beigetragen, die Lebenszeit des Fußballs zu verlängern?

 

BG: Um etwas lebendig zu halten, muss man sich ernsthaft und aufrichtig damit befassen. Fußball spielen, kritisch anschauen und an die nächste Generation weitergeben. In welcher Form auch immer. Wir haben ihn gedreht und gewendet und auch da aufgespürt, wo ihn am Anfang unserer Arbeit kaum jemand vermutet hätte. In vielen Nischen der Gesellschaft, der Kunst, der Musik, der Wissenschaft, der Literatur und überall im Netz. In der gemeinsam erzählten Geschichte. Unsere Aufgabe kann's nicht sein, einen heilig-unberührten Urzustand zu behüten und verteidigen. Das wäre Folklore bzw. in mancher Hinsicht sogar Fundamentalismus.

 

DtP: War diese akademische Annäherung denn überhaupt vernehmbar im großen Marktgeschrei?

 

BG: Ich mag es, wenn „akademisch" im Fußball-Zusammenhang als Schimpfwort verwendet wird. Es ist durchaus vernommen worden, dass der Fußball mehr kann, als Profit abwerfen. Mal ganz praktisch formuliert: Wenn Bundesligisten eigene Leseförderungsprojekte betreiben oder Fans sich ermutigt fühlen, Erinnerungstage auszutragen für die im NS-Staat verfolgten Mitglieder ihres Vereins, dann ist das die Form von lebendigem Fußball, zu der wir hoffentlich beigetragen haben.

 

DtP: Müsste sich die Akademie nicht eigentlich auflösen, anstatt - wie im Kleingedruckten verkündet - auf eine Renaissance zu hoffen, mit der Betonung auf „hoffen"?

 

BG: Wir sind ja nun keine Ultragruppe, die sich Selbstauflösungsauflagen erteilt hat. De mortuis nil nisi bene, gell?!  Wenn man bei einer Beerdigung zusammensitzt und überlegt: Was war das für einer und warum hat man sich eigentlich so gut verstanden, da fällt einem schon einiges ein. Das muss nicht das Allheilmittel sein für die Krankheit, an der er gestorben ist, aber ein hoffnungsvolles „schaumermal" springt sicher raus.

 

DtP: Was ist denn konkret die Krankheit, an der der Fußball leidet?

 

BG: Ein Syndrom. Die Reduzierung einer wunderschönen und vielfältigen Sache auf ein paar simpelste Dimensionen: Gewinnmaximierung, Expansion, zentrale Steuerung. Ohne dabei auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Beteiligten zu achten. Beim Kinderfußball kann‘s nicht vorrangig um Leistung gehen. Bei internationalen Turnieren nicht vorrangig um Profit. Damit ein Bundesligaspieltag ein gutes Fußballerlebnis wird für alle, braucht’s mehr als nur Vermarktungskonzepte.

 

Dazu kommt noch die Kriminalität, in erster Linie persönliche Bereicherung, z.B. via Steuerhinterziehung, Bestechung, Wettbetrug, auch Körperverletzung – Stichwort Doping. Das ist ein Symptom für das es schon geeignete Mittel gibt: Journalistische und juristische Aufklärung und rechtsstaatliche Strafen. Theoretisch.

 

DtP: Ist denn nicht damit zu rechnen, dass die Profitblase im Profifußball irgendwann mal von selbst platzt?

 

BG: Nein.

 

DtP: Solange die Mehrheit der Fans bereit ist, für ein Trikot 100 Euro auszugeben, teure Eintrittskarten und noch teurere Auswärtsreisen zu bezahlen, den ganzen Kommerz also weiterhin zu unterstützen, ändert sich im Grunde ja auch nichts…

 

BG: Vielleicht sollte man doch ein Wort verlieren über die Schizophrenie des Fußballfans. Viele Menschen wie du und ich sehen eben auch gerne das optimierte Produkt. Das heißt aber andererseits noch lange nicht, dass überhaupt niemand nachdenkt. Wer sind denn die Opfer? Wer leidet unter dem Profit des Apparats? Das wären Fragen, denen man sich zuwenden sollte. Wenn man immense Summen umsetzt, müssen entsprechend immense Steuern auch tatsächlich gezahlt werden. Oder der Amateursport sowie gemeinnützige Projekte wirklich unterstützt werden. Oder die überteuerten Produkte zumindest unter menschenwürdigen Umständen produziert werden. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, die Frage nach der Renaissance erschöpfend zu beantworten – sehe aber viel Potenzial.

 

DtP: Hat sich dein persönliches Fan-Verhalten in den letzten Jahren verändert?

 

BG: Ich bin nicht besonders streng mit mir selbst, möchte aber nicht, dass durch meine Liebe zum Fußball Schaden entsteht. Aus sportästhetischer Perspektive sehe ich mich gezwungen, mir ab und an ein schönes Champions League Spiel reinzuziehen. Ich bin zu Heimspielen in der Kurve und freue mich, wenn meine Kinder unser Logo erkennen. Dem 1. FCN gratuliere ich, wann immer er eine glaubwürdige CSR-Maßnahme umsetzt. Natürlich trauere ich auch – aber lachen kann ich über den Betrieb jetzt mehr denn je. Ich halte den Fußball wohl nicht mehr für so wahnsinnig wichtig.

 

DtP: Gab es denn nun schon Reaktionen auf die Traueranzeige?

 

BG: Oh ja, reagiert wurde reichlich und zum Teil heftig: In der hiesigen Presse gab's eine feine Glosse, in der der Autor zu verstehen gibt, dass etwas, das so herrliche Skandale erzeuge wie der Fußball in keinster Weise für tot erklärt werden könne. Was wiederum bei manchem Vereinsvertreter auf wenig Humor stieß.

 

Wir haben Zuschriften von Akademie-Mitgliedern bekommen, die uns Publikationen en masse ans Herz legen – Enthüllungsjournalismus hat Konjunktur in der Fußball-Kultur. Am substantiellsten fand ich, wenn man das so sagen kann, die Reaktion von Dr. Rainer Koch. Der DFB-Vize und BFV-Chef leitete seine diesjährige Grundsatzrede auf dem Amateurfußballkongress mit unserem Sterbebildchen ein und attestiert dem Fußball durchaus einige Krankheiten, verordnet ihm aber eine Frischzellenkur bis zur EURO 2024. Es freut uns, dass der Denkanstoß so direkt wirkt und auch auf höchster Verbandsebene Kritikfähigkeit anklingt. Im Amateurfußball ist womöglich noch nicht alles verloren...

 

DtP: Vielen Dank für das Gespräch.

 


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