Aus dem aktuellen Heft 97


 

Gescheiterte Projekte I

Generationen…

Von Johannes John

Denn Geschlechter kommen, Geschlechter vergehen,
Hirschlederne Reithosen bleiben bestehen.
(Börries Freiherr von Münchhausen: „Lederhosen-Saga“)

 

Erinnert sich noch jemand an den Beitrag über die „Generation Bauchnabel“? Richtig – Der Tödliche Pass Nr. 55, Januar 2010, S. 35–37. Den nachfolgenden Beitrag vier Jahre später als „Fortsetzung“ zu bezeichnen, wäre wohl ebenso übertrieben wie von einer „losen Folge“ zu sprechen. Und doch will er daran anschließen, versteht sich aber auch ohne diesen Bezug – hoffentlich – von selbst…

So seinerzeit im April 2014 – Heft 72 – der Vorspann zu jener ,Fortsetzung‘, die damals unter dem Titel „Die Generation Stückweit“ (S. 30-35) erschien. Die parallel dazu entstandene, leider aus Copyrightgründen nie veröffentlichte Fotosammlung, in der allerlei Prominenz demonstriert, wie groß oder kleine dieses ,Stückweit‘ geraten sein kann, führe ich bis heute weiter, wie denn das Wörtchen selbst, ob nun als „stückweit“ oder seinem Bruder im Ungeiste als „so ʼn bischen“, nach wie vor unüberhörbar grassiert und jede pointierte Aussage sogleich windelweich ins Ungefähre, Unbestimmte und mithin Unangreifbare hinunterpampert, offensichtlichen Unfug eingeschlossen, wenn – so nach wie vor verlässlich bei Brigitte Büscher in „Hart aber fair“ zu besichtigen  – etwa Zuschauer in einer vollständig abgefassten Mail „so ʼn bischen“ was geschrieben haben und sich dabei wahlweise wütend, ratlos oder verzweifelt äußern – selbstredend nur ein „stückweit“. Wie denn auch Jörg Wontorra, wenn er als fideler Wiedergänger irgendwo auf der Mattscheibe erscheint, alles Anfallende „so ʼn bischen zu klären“ pflegt…

Nicht, dass mir seinerzeit der Stoff ausgegangen wäre. Vielleicht ein wenig die Luft, aber das mag an der Ubiquität der damals schon mit den Hufen scharrenden nächsten Generation gelegen haben.

O. k.? Okay? Okeeeeeee? Okeeeeeiiiiiiiiii?

Allumfassend hieß eben: nicht nur auf die nachfolgende Generation beschränkt, wie ich es bei ,meinen‘ Studentinnen und Studenten studieren konnte. Sondern von oben, unten, von hinten und vorn und nicht zuletzt von der Seite, Schichten und Altersgrenzen überschreitend: das war, das ist die „Generation Okay“, resistente Exemplare halten sich bis heute hartnäckig, wenngleich nicht mehr so flächendeckend wie sintemalen.

Vielleicht fiel’s mir zum ersten Mal auf, als ich nach der Uhrzeit gefragt wurde und mit Blick auf’s Zeiteisen, das ich zwar nicht ständig – dem Glücklichen schlägt bekanntlich keine Stunde –, aber doch gelegentlich trage, wahrheitsgemäß mitteilte, was das Ziffernblatt zeigte. Und sodann erschrak, als mir kein „danke“, „sehr nett“, meinetwegen auch „Was, schon?“ entgegnet wurde, sondern ein knappes, sachliches, aber dabei auch seltsam unbeteiligtes „okay.“

Was mich nun nachhaltig irritierte. Wie kann man etwas bestätigen, wonach man doch eben erst gefragt hatte? Und wie eine Aussage als zutreffend bestätigen, zu deren Überprüfung doch ganz offensichtlich die technischen Mittel fehlen? Und wenn es nur die Richtigkeit meiner Ablese bestätigte, schwang dann nicht etwas wie Ironie oder gar Herablassung mit: Test bestanden, immerhin das kann er also? Dass man sich nach diesem ,Wortwechsel‘ auch wenig als Domestike, als Angehöriger des Hauspersonals fühlte? Irritierend, wie gesagt.

Was keine Ausnahme blieb, sondern rasch zum Kleingeld täglicher Kommunikation wurde, und dies unter vielfältiger Intonation, sehr beliebt etwa in einer beim e-Laut zunächst leicht absinkenden, dann freilich steil nach oben gezogenen phonetischen Kurve:

Okeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii

Und was wurde nicht alles mit diesem o. k. quittiert. Wenn ich etwa die Qual einer Wahl schilderte: „o. k.“ Wo doch eine Entscheidungshilfe, wenigstens eine vorsichtige Empfehlung nicht nur hilfreich gewesen wäre, sondern vom Gegenüber durchaus erwartet wurde. Wenn man den Zeitgenossen X als ziemlich tumbe Nuss charakterisierte: „o. k.“ Ihn gleich darauf aber als doch eigentlich liebenswürdig würdigte: „o. k.“ Wo sich doch wenigstens ein „ja was denn nun?“ angeboten hätte. Vermutlich wäre die Ankündigung meines unmittelbar bevorstehenden Selbstmordes mit dem analogen Gleichmut dieser beiden Buchstaben registriert worden.

Nicht zu unterschätzen auch die im Sprechakt – eigentlich eher ein Artikulationstupfer – etablierten Machtverhältnisse. So hatte insbesondere das aufs Nötigste reduzierte „o. k.“ für mich immer etwas Inquisitorisches, zumindest an eine Prüfungssituation erinnerndes. Mit unbewegter Miene à la Hazel Brugger vorgebracht, entfaltete es vollends sein geballtes Einschüchterungspotential, bugsierte es mich doch gewissermaßen auf die Couch einer psychiatrischen Praxis. Gerade diese von keine Regung der Gesichtszüge grundierte Abart des „o. k.“ nämlich umwehte eine Aura des Exklusiven, die zum einen ein der Verhaltensforschung entlehntes „aha, ist ja interessant“ signalisierte, zum anderen aber auch säkularisierte Lossprechung offerierte: du hast zwar keine Ahnung, was du damit eigentlich sagen willst, aber glücklicherweise kann ich dir das erklären! Degradierungsmechanismen, die einige von uns auch noch aus der säkularen Variante, dem katholischen Beichtstuhl, kennen.

Natürlich war’s vor allem und meistens aber lediglich nur ein scheinbare Anteilnahme heuchelndes Unbeteiligtsein, das dem anderen großzügig seinen Redefluss gönnte, dabei jedoch ein tatsächliches Multitasking (altmodisch gesprochen: gepflegte Geistesabwesenheit) routiniert, wenngleich durchschaubar kaschierte. Dies insbesondere in der – anfänglich wiederum höchst irritierenden – Stakkato-Form, die mich stets an einen akustischen Schluckauf erinnerte, bevor ich auch hier den inhärenten Strategien auf die Schliche kam. Natürlich bekommt jede Rede zwangsläufig etwas Gehetztes, wenn ihr im Sekundentakt und Protokollton ein „o.k.“ dazwischenfährt, das sowohl ein potentiell unterfordertes (und damit leicht genervtes) „ich kann dir folgen“, als auch ein latent ungeduldiges „komm bitte zu einem Ende!“ bedeuten kann. Wiederum: Machtverhältnisse, diesmal in der Lufthoheit über das Tempo des Geschehens. Natürlich hatʼs mich schon bald gejuckt, den Urheber wie die Urheberin eines solchen o. k.-Gewitters am Ende meiner Ausführungen einmal zu bitten, meine Einlassungen doch rasch mit eigenen Worte noch einmal kurz zusammenzufassen. Um – und sei’s auch nur einmal – dann betretenes Schweigen zu ernten. Ich hab mich’s freilich nie getraut…

Nicht auszuschließen, dass ich er „Generation okay“ damals analytisch einfach noch nicht gewachsen war. Möglich allerdings auch, dass sich am Horizont bereits die nächste Generation formierte, diesmal wieder bevorzugt juvenil rekrutiert.

Keine Ahnung

Wie ist es Ihnen ergangen, als Sie erstmals damit konfrontiert waren? Da bringt jemand eine wie auch immer geartete, jedenfalls offensichtlich konsistente und sogar syntaktisch korrekt abgeschlossene Äußerung hervor – um an diese dann noch ein je nach Temperament und Tageszeit verlegenes, gleichmütiges oder auch amüsiert kicherndes „keine Ahnung“ anzuhängen.

Natürlich begibt man sich auch in diesem Falle zunächst auf Sinnsuche und beginnt das Grübeln: Warum teilt uns jemand etwas mit, von dem er/sie eingestandenermaßen keine Kenntnisse besitzt? Und warum gesteht er/sie dies auch noch freimütig ein? Und was wäre der Subtext: Ich weiß es auch nicht besser als wir/ihr alle? Oder: Ist ja alles auch nicht so wichtig? Aber: wenn etwas unwichtig ist – warum hebt dann jemand überhaupt an, zu sprechen? Was Wittgenstein, ich weiß, ich weiß, eleganter formuliert hat. Ist es am Ende die auf die knappste Form kondensierte Formel des Kerkelingʼschen „Das ganze Leben ist ein Quiz“ – und ich kenn die Antwort auch nicht?

Was im Privaten durchaus seinen Charme entfalten kann, hat im öffentlichen Raum, zu dem neben dem Universitätsseminar auch das Geräusch der Massenmedien insbesondere in Wort und Bild gehören, etwas fürchterlich Deprimierendes, weil auf unterstmöglicher Ebene – dem des Nichtwissens – Egalisierendes. Dies jedoch nicht mit dem Gestus des „we gotta get out of this place“ und hinauf ans Licht der Erkenntnis, sondern einem behaglichen „ist doch ganz gemütlich hier“. „Die Kinder nennen sie Fach- und Konsum-, überhaupt -Idioten“, heißt es in Franz-Josef Degenhardts „Die Kumpanen von Horsti Schmandhoff“ aus dem Jahre 1971 über den Konflikt zwischen den Eltern und deren Nachwuchs in der Post-68-Ära. Die „Generation keine Ahnung“ hätte vermutlich keine Probleme, das „sie“ durch ein „sich“ zu ersetzen. Was nun nicht mir der antiken Einsicht des „Ich weiß, dass ich nichts weiß“ gleichzusetzen ist, sondern eher und eher spielerisch den Gegenpol zur Aufforderung „mal ernsthaft!“ markiert.

Ein permanentes Sprechen ins Unreine, eine verbale Immunisierung gegen den Anspruch, die Erwartung und – irgendwann in der Adoleszenz ja legitime – Forderung, Standpunkte zu entwickeln, Positionen zu beziehen, Überzeugungen zu vertreten und diese auch argumentativ zu untermauern. Natürlich nicht für immer und ewig, aber doch auf dem Fundament von gemachter Erfahrung und erworbenem Wissen. Vorübergehend, wie jedes Leben. Stattdessen das finale Eingeständnis: keine Ahnung. Manche mögen diese Abbreviatur für ein Zeugnis durchaus sympathischer Ratlosigkeit und ehrlich eingestandener Überforderung halten. Andere für eine Bankrotterklärung. Ich neige Letzerem zu.

Dass die damit zugleich signalisierte ,Augenhöhe‘ mit dem jeweiligen Gegenüber – ich bin zumindest kein Besserwisser, eher das Gegenteil – durchaus auch eine Form von Frechheit sein kann, führte mir vor Jahren eine Studentin vor Ohren, die jede – und wirklich JEDE – ihrer Äußerungen im Seminar mit einem notorischen „ich weiß ja auch nicht“ beschloss. Was ich gewähren ließ – schließlich beschäftigten mich damals die Feldstudien zur „Generation keine Ahnung –, bis ich irgendwann nicht mehr an mich halten konnte und ihre Schlusscoda mit einem „ich verbitte mir das ,auch‘“ konterte: völlig erfolglos. Weder drang meine Zurückweisung dieser Vereinnahmung bis ins Zerebrale vor, noch ließ die Kandidatin von ihrem manisch-repetitiven Tun ab. Was aus ihr geworden ist? Keine Ahnung.

Nix sehen, nix hören

Und heute, Jetzt-Zeit? Hat längst eine neue Generation das Feld besetzt. Die nun nicht mehr auf Kommunikation – in welcher Form auch immer – setzt. Sondern auf das genaue Gegenteil. An zwischenmenschlicher Interaktion nämlich keinerlei Interesse mehr zeigt, jedenfalls nicht im öffentlichen Raum, also unserer Lebenswelt jenseits von Privatsphäre und Intimität. Ich nenne sie die „Generation Ohrenstöpsel“ und habe mich mittlerweile damit abgefunden, dass jedes Klingeln im Straßenverkehr, jedes höfliche „darf ich mal bitte mit meinem Wagen vorbei“ im Supermarkt, überhaupt alles nicht im Brüllton Vorgebrachte oder mit heftigem Gestikulieren Flankierte auf buchstäblich taube Ohren stößt und somit jede Form sprachlichen Austauschs, zumindest in abendländisch gemäßigter Form, vergebliche Liebesmüh ist.

Embryonal umhüllt in einer Blase akustischer Nährlösung schwimmend bewegen sich diese ZeitgenossInnen durch eine soziale Umwelt, die auf diese Weise allenfalls zur stummen Kulisse mutiert – was ihnen allem Anschein nach auch völlig genügt. Abgeschottete Monaden in frei gewählter Selbstisolation, was natürlich jeder und jedem gegönnt sei: in ihrem massenhaften Auftreten jedoch hat diese kollektive Weltabgewandtheit für mich etwas Todtrauriges.

Schwer, ja unmöglich, etwa auf Reisen im Zug en passant ins Gespräch zu kommen; ebenso vergeblich, etwa beim Joggen an der Isar darauf aufmerksam machen zu wollen, was es dort – vom Rauschen des Flusses über vielfältigstes Vogelgezwitscher und was noch alles – an O-Tönen zu hören gäbe. Vermutlich übergriffig der Hinweis, dass jede beim Laufen in der Hand mitgeführte Gerätschaft – ob nun Handy oder Wasserflasche – à la longue mehr oder weniger minimale Fehlstellungen und damit Haltungsschäden produziere. Und gänzlich unzulässig, weil aus der Welt gefallen, der Hinweis, dass man Musik auch hören kann: was das genaue Gegenteil einer unausgesetzten Dauerbeschallung meint…

Lauter kleine, selbstvergessene wie selbstgenügsame Planeten auf ihrer einsamen Umlaufbahn, die – jedenfalls im sichtbaren Alltag – nichts brauchen außer sich selbst: und ihre Ohrenstöpsel. Ziehen sie dann noch an roten Ampeln, an Restauranttischen, im Grase liegend oder auch im Gehen ihre Smartphones heraus, die nun auch das Gesichtsfeld, also den aktuellen visuellen Aufmerksamkeitshorizont, auf 12 x 7 cm reduzieren, sind sie von den basalen Formen sinnlicher Wahrnehmung ihrer Umwelt – dem Hören wie dem Sehen – vollends abgeschnitten, auch wenn sie das Gegenteil behaupten mögen. Bleibt nur die Hoffnung, dass sie es noch riechen, wenn etwas zum Himmel stinkt.

Der übliche Kulturpessimismus eines alten, weisen Mannes? Der inmitten von achteinhalb Milliarden je einzigartiger Ichs noch immer den Traum von einem sich regenerierenden ,wir‘ in ,unserer‘ Welt hegt? Ich hör ja schon auf. Und denk an die vier Jungs, alle um die zwölf, dreizehn, damals auf ihren Sitzplätzen in der U-Bahn und das alte Mutterl, daneben stehend. Ich bin fest davon überzeugt, jeder von ihnen hätte ihr sofort seinen Platz angeboten – hätte nur einer von ihnen einen Augenblick von den Displays aufgeschaut. Wie bitte: ich hätte doch da auch eingreifen können? Sehen Sie: genau das meine ich.

Alles kommt und geht, fängt an und hört irgendwann auf. Momentan also die Zeit der durch die Zeiten segelnden Solitäre, freiwillig abgeschnitten von den Tönen, der sinnlichen Vielfalt des Hier & Jetzt, dem unerwartet ins Auge wie Ohr Fallenden des täglichen Unterwegsseins. Michael Endes ,graue Männer‘ hätten daran nicht nur ihre helle Freude gehabt: seit mehr als zwei Jahrzehnten haben sie und ihre Nachfolger genau darauf hingearbeitet.

Durchaus erfolgreich, wie es scheint. Eigentlich zum Heulen.

 

Doch vielleicht taucht am Horizont ja schon die nächste Formation auf, die ich als die „Generation alles gut?“ bezeichnen möchte. Zwar habe ich diese Frage noch nie in meinem Leben mit einem „ja“ beantworten können, die Aussicht auf halbwegs zivilisierte Zuwendung in Frage und Antwort macht mir die Tage jedoch wieder heller…


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