Aus dem aktuellen Heft 98


 

Wir hätten es wissen können!

Europas extreme Rechte trainiert für den Tag der Machtübernahme. Das hat auch mit Fußball zu tun.

 

Von Stefan Erhardt

 

Haben Sie gewusst, dass ein deutscher Mann, der keinen Kampfsport betreibt, kein Patriot ist?

Haben Sie gewusst, dass die extreme Rechte anfangs neidvoll auf die Kampfeskünste der extremen Linken geblickt hat, bevor sie selbst ins Kampftraining einstieg?

Haben Sie gewusst, dass gezielt Neonazis in den vergangenen zehn Jahren zahlreiche eigene Kampfsport-Trainingsstudios aufgebaut, eigene Kampf-Events begründet haben, um für den Straßenkampf und den Tag X, den Tag der Machtübernahme, gerüstet zu sein?

Haben Sie gewusst, dass die sozialdarwinistische Ideologie der extremen Rechten Leben als konstanten, rassistischen und antisemitischen Kampf interpretiert, besonders, da nach eigenen Worten „die ethnisch deutsche Bevölkerung […] in den kommenden Jahrzehnten verdrängt, ausgetauscht gegen raum- und kulturfremde Zuwanderer“ wird?

Haben Sie gewusst, dass Kampfsport als Vorbereitung auf die Übernahme der Regierung angesehen wird, wie es beispielsweise die extrem rechte Partei „Der III. Weg“ vor zwei Jahren in ihrem Text veröffentlicht hat über „Kampfsport als Bestandteil rechter Metapolitik“?

Haben Sie gewusst, dass viele Neonazis sich in der Rolle der Bestimmer, der Geschichtslenker sehen – weil sie diejenigen seien, die nicht auf den Tag X warten müssen, „weil wir der Tag X sind!“ wie es in der Selbstbeschreibung der rechten Kampfsportgruppe Baltik Korps heißt?

Haben Sie gewusst, dass zahlreiche Kampfsport- und auch Fitnessstudios den Trend der Selbstoptimierung, verbunden mit Selbstdisziplinierung – der „Hochglanzausdruck einer tiefen politischen Neoliberalisierung“ wie Autor Robert Claus treffend einordnet – nutzen, um durch diese Verschiebung weg vom Sozialen, vom gesamtgesellschaftlichen Miteinander (sofern überhaupt möglich) hin zu einem individualisierten, um nicht zu sagen egoistischen oder gar egomanischen Hedonismus bzw. Anspruchsdenken – begleitet von einer Reduzierung der Gesundheitsleistungen durch stete Privatisierungen im Gesundheitssektor auf zunehmende Eigenverantwortung, sprich: Eigenleistung der Menschen – genau das zu fördern, was die radikale Rechte in ihrer politischen Zielsetzung – die komplette Übernahme der Macht in Deutschland und anderswo – anstrebt, unterfüttert von ideologischen Superspreadern im RechtsRock-Musikgeschäft gepaart mit den langjährigen Erfahrungen des Hooliganismus im Fußball?

Haben Sie gewusst, dass gewalttätige Männlichkeit, ethnische Zugehörigkeit und politischer Hass als niedrigschwelliger Zugang „zur Szene, die hochgradig militant ist“ angesehen werden?

Haben Sie gewusst, dass der sogenannte Racial Holy War unterstützt wird durch internationales Kriegssöldnertum, sichtbar beispielsweise am „Regiment Asow“ aus der Ukraine, unter deren ca. 2500 Kämpfern sich Italiener, Griechen, Schweden, Russen und schätzungsweise auch eine „niedrige dreistellige Zahl“ an Deutschen befindet?

Haben Sie gewusst, dass das erklärte Ziel der extremen Rechten (und nicht nur der extremen) die Etablierung einer paneuropäischen weißen Rasse an den Schaltstellen der Macht ist, ja mehr noch: eine internationale Allianz faschistischer Parteien – zum Zwecke der Errichtung einer erklärten völkischen Gewaltherrschaft?

Haben Sie gewusst, dass bisher Artikel 9 Absatz 1 GG das Recht garantiert, sich in Vereinen zusammenzuschließen, Absatz 2 allerdings einschränkt: „Vereinigungen, deren Zwecke oder deren Tätigkeit den Strafgesetzen zuwiderlaufen oder die sich gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder gegen den Gedanken der Völkerverständigung richten, sind verboten.“ – und staatliche Organe wie etwa der Verfassungsschutz nur sehr langsam dies auf Organisationen der extremen Rechte anwenden, so dass bis heute Organisationen wie etwa die 1986 in den USA gegründeten „Hammerskins“ nicht verboten sind?

Haben Sie gewusst, dass schon die nationalsozialistische Sportpolitik der 1930er Jahre sich an einer geplanten Kriegsführung orientiert hat?

Haben Sie gewusst, dass Events wie etwa der „Kampf der Nibelungen“ aus einem unprofessionellen Kleinevent ausgewachsen sind und zu einer neonazistischen Fight Night mit über 850 Kämpfern und ZuschauerInnen aus ganz Europa entwickelt wurden, einem Event, bei dem laut Neonazi-Zeitschrift N.S. Heute „stolze Europäer“ antreten, die „ihre Wurzeln noch kennen und für ein weißes Europa der Vaterländer stehen, statt es zu einer multikulturellen Kloake verkommen zu lassen“, den Kampf „für die Volksgesundheit“ führen, dazu auffordern, den Kampf aufzunehmen, um „dem System der Heuchler und Versager“ [gemeint sind die Regierenden der Bundesrepublik] den Rücken zu kehren“?

Haben Sie gewusst, dass Fußballhooligans einen Rekrutierungspool par excellence bilden – egal, ob aus Dortmund, Frankfurt, Rostock, Leipzig, Dresden, Halle, Erfurt, Aachen, Cottbus, Chemnitz, Berlin (ob Hertha oder Union), Mannheim oder Bielefeld, oder weiter, aus Tschechien, der Schweiz oder der Ukraine: dass auf dieser Ebene ein länderübergreifendes Netzwerk entstanden ist, das in einer Mischung aus rassistischer Abgrenzung und kampfsportunterfütterter Überlegenheits- und Großmachtphantasien Kämpfer, Fans und Funktionäre stetig versucht auf die politisch rechte Seite zu ziehen?

Haben Sie gewusst, dass es eine Strömung gibt innerhalb der neonazistischen Gruppierungen, die versucht, mit Idealen wie Härte, Verzicht, Reinheit und Kampf – der sog. Straight-Edge-Ideologie – Anhänger zu gewinnen, die angelockt werden durch dieses Konzept, welches Alkohol, Drogen und Promiskuität strikt ablehnt und stattdessen fordert, einen kampfbereiten und „arischen“ Körper für die Volksgemeinschaft zu schaffen, ganz bewusst in Anlehnung an Adolf Hitler, der Alkohol und Rauchen ablehnte?

Haben Sie gewusst, dass Sport als eine der wichtigsten Waffen unserer Zeit zu begreifen ist?

Haben Sie gewusst, dass Bekleidung ein äußerst wichtiger Geschäftszweig der extremen Rechten geworden ist, nicht nur aus Gründen der Identitätsstiftung, sondern handfest als Transportmittel der Ideologie und – natürlich – als ergiebige Verdienstquelle?

Haben Sie gewusst, dass z.B. die Marke ‚Greifvogel Wear‘ propagiert: „Kampf war schon immer der Vater aller Dinge. Ein schwacher Geist und der damit einhergehende verkommene Körper sind die Ursache und Wirkung einer dekadenten Gesellschaft. Ehre, Disziplin und Stärke sind nicht nur leere Worthülsen. […] ‚Greifvogel‘ ist der pochende Schlag einer stetig wachsenden Macht der Aufarbeitung und Wiedergeburt! Körper und Geist vereint!“?

Haben Sie gewusst, dass die extreme Rechte „strength against the modern world“ fordert – dass Globalisierung, Industrialisierung, Demokratie und die Gleichberechtigung aller Menschen zugunsten eines Überlebenskampfes (und dem zwangsläufig erwarteten Sieg der kampfsportgestählten Körper) überwunden werden sollen?

Haben Sie gewusst, dass die Aktionen der extremen Rechten immer wieder auch in die Fußball-Fanszenen hineinreichen, mit unterschiedlicher Intensität und Durchmischung, etwa mittels arrangierter Fight Nights oder sog. Ackermatches, Verabredungen zu Kämpfen abseits der Fußballstadien?

Haben Sie gewusst, dass zwischen „Blood & Honour“, „Hammerskins“, MMA und K1, „2Yt4u“ (= too white for you) und rechtsgerichteten Fitnessstudios sich ein breiter Nährboden entwickelt für rechtsextreme, antidemokratische Parteien, Präsidenten, Volksvertreter und lokale und regionale politische Strukturen, ein Nährboden, der auch gefüttert wird von Rechtstendenzen in Polizei und Armee, wo einzelne sich ideologisch zusammentun, um (zugegeben, meine Deutung:) der wachsenden Gewaltbereitschaft, gerade auch unter apolitischen Menschen, der zunehmenden Komplexität unseres technik- und wirtschaftsbestimmten Lebens und einem drohenden Wohlstandsverlust besonders in Europa und den USA etwas entgegenzusetzen, das in ihren Augen den Verfall stoppen kann?

Haben Sie gewusst, dass Neonazis und Hooligans besonders in der seit Jahren wachsenden Security-Branche den rechtsradikalen Schulterschluss praktizieren, beispielsweise in der selbst so betitelten Gruppe „HooNaRa“ („Hooligans, Nazis, Rassisten“), deren „Gewaltkompetenz“ sehr geschätzt wurde?

Haben Sie gewusst, dass Sie trainieren sollten, denn „die Zeiten werden hart und sowie es zur Zeit aussieht nicht besser, jeder Deutsche sollte an seiner Wehrhaftigkeit arbeiten“ – so der Thüringer Neonazi Martin Langner auf Facebook als eine von unzähligen Äußerungen zur Bedeutung des Kampfsports?

Haben Sie gewusst, dass Italien, mit der „Tradition“ des Kampfsports im Faschismus unter Mussolini, Polen, in Verbindung mit gegenwärtig populären Haltungen von Rassismus, Homophobie, Fremdenhass, Antisemitismus und einer kruden heidnisch-erzkatholischen Rückwärtsgewandtheit, Frankreich, mit erfolgreichen Geschäftsmodellen wie „Pride France – Fabriqué par les blancs, pour les blancs“ und erfolgreich aktiven Verbindungen in die Fußball-Hooliganszene, oder Griechenland, mit seinen weltweit gut vernetzten MMA-Gruppen wie etwa dem „Pro Patria Fight Club“, nur ein Bestreben haben: die Beförderung einer (weltweiten) Gewaltherrschaft, besonders mittels bewaffneter Kämpfe und gewalttätiger Auseinandersetzungen gegen Andersdenkende?

Haben Sie gewusst, dass Thailand ein Paradies für Kampfsport-Touristen geworden ist, das u.a. von Hooligans diverser europäischer Fußballclubs gerne genutzt wird, um für den Tag X gerüstet zu sein?

Das alles könnten Sie wissen. Das alles steht in Robert Claus‘ Buch „Ihr Kampf“. Natürlich nicht, wie hier erscheinen mag, als isolierte Fakten aufgereiht, sondern kausal und zeitlich genau verknüpft. Der Untertitel mag reißerisch klingen; allein, er beruht auf umfassenden Erkenntnissen: Ja, die Rechte bereitet sich auf eine Machtübernahme vor.

Von Beginn der Lektüre an wird deutlich, dass es sich spätestens seit Solingen, Rostock und dem NSU nicht mehr um Einzelphänomene handelt – die extreme Rechte (oder sollte man schreiben: Die Extreme Rechte?) hat ein verbindendes Ziel, und das ist nichts Geringeres als die Weltherrschaft. Was nach Verschwörungstheorie oder -spinnerei klingt, ist tödlicher Ernst: und damit später es nicht (wieder) heißt, wir hätten das doch wissen können, gehört dieses Thema mindestens in die Abschlussklassen sämtlicher Schulen, nicht nur in Deutschland.

Die Lage ist ernst, aber noch überschaubar. Und noch kann es heißen: Wehret nicht nur den Anfängen – schon auch, weil es keine Anfänge mehr sind, sondern Fortsetzungen. Also heißt es: Aufklärung verordnen, auch wenn die schwerfällt; Aufklärung statt Komfortzone, Auseinandersetzung statt Gleichgültigkeit, Wachsamkeit statt Urlaubsplanung. Ob dies allerdings mit Hilfe von – wie es in aufgeblasenem Soziologendeutsch heißt – „akzeptierender Jugendarbeit“ (Jugendarbeit sollte m.E. wie jegliche pädagogische Betätigung per se von Akzeptanz und Wohlwollen geprägt sein) bewerkstelligt werden kann, wage ich persönlich zu bezweifeln.

Robert Claus und uns ist zu wünschen, dass nicht nur er am Thema dran bleibt und uns weiter Aufklärung zuteilwird. Sie ist not-wendig.

Robert Claus: Ihr Kampf. Wie Europas extreme Rechte für den Umsturz trainiert. Bielefeld: Verlag Die Werkstatt, 2020. 19,90 €.

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Weitere Lektüreempfehlungen zum Thema:

Robert Claus: Hooligans. Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, 2017.

Christian Fuchs: Das Netzwerk der Neuen Rechten. Wer sie lenkt, wer sie finanziert und wie sie die Gesellschaft verändern. Reinbek: Rowohlt, 2019.

Karolin Schwarz: Hasskrieger. Der neue globale Rechtsextremismus. Freiburg i.Br.: Herder, 2020.

Podcast „Deutsche Abgründe“ (Süddeutsche Zeitung). Infos unter https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/medien/nsu-prozess-deutsche-abgruende-podcast-serie-der-sz-e669669

Film: American History X (Regie: Tony Kaye – USA 1998)

 

 

 


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