Aus dem aktuellen Heft 97


 

Jungspunde und Veteranen

Deutsche Fussballer in der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg

 

Von Fabian Brändle

 

„Sei nett zum Deutschen, er könnte Dein nächster Chef sein.“ Dieses schweizerische Witzchen enthält ein Körnchen Wahrheit, arbeiten doch viele in die Schweiz eingewanderte deutsche Frauen und Männer in akademisierten Kaderpositionen, als Professorinnen und Professoren, Chefärztinnen und Chefärzte, als Psychiater, Manager oder als Ingenieure. Natürlich gibt es auch deutsche Poliere, Kranführer oder Krankenschwestern, um korrekt zu bleiben. Und Fussballer (sowie Fussballlehrer, siehe unten).

Im Jahre 2010 lebten knapp 305.000 deutsche Staatsangehörige in der Schweiz, zählt man Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit dazu, waren es nicht weniger als rund 450.000 deutsche Frauen und Männer. Die deutsche Einwanderung in die Eidgenossenschaft hat eine lange Tradition. Mitte des 19. Jahrhunderts flohen politische Flüchtlinge, die „1848er“, in die liberal verfasste Schweiz und machten hier oft Karrieren an Universitäten, in Kirchen oder in der Kunst.

Während des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 kamen wieder Tausende von Flüchtlingen in die neutrale, vom Krieg verschont gebliebene Schweiz, nicht nur deutsche Juden, auch Sozialdemokraten, Kommunisten, Schauspielerinnen und Schauspieler oder Schriftstellerinnen und Schriftsteller, deren Werk in Ungnade gefallen war. Ob auch Berufssportler unter den Flüchtlingen waren, müsste erst noch dokumentiert werden, eine Aufgabe für eine problemorientierte Sportgeschichte.

Bereits vier Jahre nach Kriegsende, im Jahre 1949, kam der neunfache deutsche Nationalspieler Albert Sing (1917-2008) nach Schaffhausen, wo er die SpVGG Ceresio als Spielertrainer trainierte. Albert Sing hatte seine Länderspiele während dem Weltkrieg bestritten, nach dem Krieg war er zu alt für weitere Einsätze (das erste offizielle Länderspiel in Stuttgart wurde der BRD erst im Jahre 1950 gegen die Schweiz gestattet). Albert Sing wechselte zum Berner Traditionsverein BSC Young Boys, wo er bis zum Jahre 1964 blieb. Mit den Bernern um Mittelstürmer Eugen „Geni“ Meier herum gewann er von 1957 bis 1960 vier Titel in Serie und erreichte das Halbfinale im Meisterpokal. 1954 war Sing Co-Trainer der BRD unter Sepp Herberger, es folgten zahlreiche Engagements in Deutschland (unter anderem Stuttgarter Kickers, VfB Stuttgart, 1860 München) und in der Schweiz (u.a. FC St. Gallen, GC, FC Lugano, FC Luzern, FC Chiasso). Wegen der Spätfolgen einer Kriegsverletzung musste Albert Sing das Trainerbusiness im Jahre 1975 aufgeben und wurde anschliessend Sportberater.

Zehn Jahre später wechselte ein weiterer renommierter deutscher Fussballer in die Schweiz. Klaus Stürmer (1935-1971) hatte als Goalgetter als Partner Uwe Seelers viele Tore für den Hamburger SV erzielt und war zweimal in die Nationalmannschaft berufen worden, ehe er im Jahre 1962 zum FC Zürich (FCZ) wechselte. Weitere Stationen waren die Young Fellows Zürich (YF), der FC Grenchen und der FC Winterthur. Mit dem FCZ wurde der torgefährliche, technisch versierte Stürmer Stürmer zweimal Meister. Klaus Stürmer verstarb leider früh an Krebs.

Im Jahre 1967 kam der erste Torschütze der Bundesligageschichte, Timo Konietzka (1938-2012), der in Deutschland erfolgreich für Borussia Dortmund und für den TSV 1860 München gekickt hatte, in die Eidgenossenschaft zum FC Winterthur, später zum FC Zürich. Für Deutschland hatte er in neun Länderspielen immerhin dreimal getroffen. Timo Konietzka war nicht nur ein aussergewöhnlich torgefährlicher Stürmer mit dem berühmten „Riecher“, sondern auch ein erfolgreicher Trainer mit dem FCZ, den Grasshoppers, den Young Boys, später zurück in Deutschland bei Bayer 05 Uerdingen, Hessen Kassel, auch beim damals nicht sehr erfolgreichen BVB Dortmund.

Die 1970er und 1980er Jahre waren die goldene Zeit für deutsche Trainer in der Schweiz.

Eine absolut unvollständige Auswahl: Hellmuth Johannsen (FC St. Gallen), Friedel Rausch (u.a. euphorisch gefeierter Meister mit dem FC Luzern), Othmar Hitzfeld (einst Spieler beim FC Basel, sensationell Meister mit dem kleinen FC Aarau und mit GC), Otto Luttrop (FC Zug, FC Lugano), Herbert Neumann (FCZ). Später folgten unter anderem Hanspeter Briegel (FC Glarus), Pierre „Litti“ Littbarski (FC Vaduz), Peter Zeidler (FC St. Gallen), Thorsten Fink (FC Basel, GC).

Othmar Hitzfeld war nicht der einzige Trainer, der seine Weltkarriere in der Schweiz startete. Jupp Derwall (1927-2007) spielte u.a. beim FC Biel, einem Klub, den er später auch trainierte. Von 1978 bis 1984 war „Häuptling Silberlocke“ bekanntlich Bundestrainer und 1980 in Italien Europameister, genauso wie der Schwarzwälder Joachim „Jogi“ Löw (Weltmeister 2014), der seine so erfolgreiche Trainerkarriere als Spielertrainer beim Thurgauer Amateurverein FC Frauenfeld begann (später FC Schaffhausen).

So mancher ehemalige deutsche Weltstar liess nun für harte Schweizer „Fränkli“ seine Karriere bei Schweizer Vereinen ausklingen, so Günther Netzer bei GC, „Kalle“ Rummenigge bei Servette Genf, Uli Stielike, der später die Schweizer Nationalmannschaft coachte und für Aufbruchsstimmung sorgte, bei Xamax Neuenburg. So mancher gealterte Spieler unterschätzte die die Intensität der helvetischen Liga: Der ehemalige DDR-Auswahlspieler und Blondschopf Rainer Ernst beispielsweise tönte vor seinem Engagement beim FCZ: „Wo ich bin, ist der Erfolg.“ Rainer Ernst und seine Stadtzürcher stiegen lediglich ein Jahr später sang- und klanglos ab.

Eine besondere Geschichte betrifft den Doppelbürger Oliver Neuville, der einen deutschen Vater und eine italienische Mutter hatte. Bei Servette Genf erzielte er an der Seite von Kubilay Turkylmaz Tor um Tor, doch verpasste es die Schweiz, den jungen, schnellen, kleinen Stürmer einzubürgern. Nach einem Intermezzo bei Teneriffa wechselte Oliver Neuville zu Bayer Leverkusen, wo er zur „Zaubermaus“ und zum Nationalspieler reifte, der im Jahre 2002 in Japan und in Südkorea Vizeweltmeister wurde.


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