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Khartoum offside – Frauenfußball im Sudan aus dem Abseits?

Nach dem Sturz von Diktator Omar al-Baschir öffnet sich der Sudan – der Spielbetrieb einer Frauen-Liga ist dabei ein erster Schritt.

Von Paul Schönwetter

 

„Unter der momentanen Militär-Regierung ist es Frauen verboten, Fußball zu spielen – und zu filmen auch, aber…“ Regisseurin Marwa Zein hat mit ihrer beeindruckenden Dokumentation „Khartoum offside“ ein Bild der Problematiken im sudanesischen Frauenfußball unter der Militärregierung gezeichnet, der jeden Widerständen trotzt und zumindest Teilerfolge einfährt. In wieweit ihr Film-Porträt entscheidend zur Öffnung des Sudans beigetragen hat, sei einmal dahingestellt.

Doch in dem nordostafrikanischen Staat, in dem die politische Lage und der seit 2011 unabhängigen Republik Südsudan nach wie vor politisch enorm instabil ist, bahnte sich Ende September des vergangenen Jahres eine kleine Sensation an: Nach dem Sturz des Diktators Omar al-Baschir im April 2019 und der Vereidigung der Übergangsregierung wurde eine Frauen-Liga gegründet. Erst die Ablösung des seit 1993 an der Spitze des Staates stehenden Präsidenten ermöglichte ein Umdenken in Gesellschaft und beim Fußballverband. Die beiden Mannschaften Tahaddi und Difaa spielten die Premieren-Partie. Organisiert wird die Liga von Mirvat Hussein Al-Sadek, zuständig für Frauenfußball im Verband.

Der FIFA war das nicht einmal eine Meldung wert. Der Verband schreibt auf seiner Webseite von einer Frauenfußballball-Strategie, damit Frauen in einer „unterhaltsamen und sicheren Umgebung“ spielen könnten. Hierfür sei eine Förderung an Schulen und Universitäten vorgesehen. Unter der News „Start der ersten Frauenfußball-Liga im Sudan“ erscheint allerdings kein Inhalt.

Der Weg dorthin war weit, wie Marwa Zein filmisch festhält. Der 75-minütige Dokumentarfilm entstand eher zufällig, eigentlich bat eine Freundin die im Sudan und in Deutschland lebende Regisseurin, eine Kurzdoku von fünf Minuten über ein Frauenfußball-Team aus Khartum, Sudans Hauptstadt, zu drehen. Doch schnell merkt die 1985 geborene Zein, dass die Themenvielfalt mehr Raum benötigt: Aus einer Woche wurden viereinhalb Jahre. Es entstand ein nie legal genehmigtes Filmprojekt, das auf der Berlinale 2019 Weltpremiere feierte und für den Amnesty International Preis nominiert war.

Es folgten Aufführungen bei diversen Filmfestivals und Auszeichnungen zur besten Doku auf dem FCAT in Spanien. Eine Reise in ihr Heimatland war Zein im Sommer – trotz der neuen Strukturen und des Sturzes von Diktator al-Baschir – zu gefährlich, schon während der Dreharbeiten gab es mehrere Festnahmen. Trotz all der Widrigkeiten sieht man die Fußballerinnen oft lachen. „Ich glaube, Humor ist eine ihrer Waffen“, erklärte die Regisseurin während der Berlinale. Die Fußballerinnen und ihr unbedingter Wille zu spielen, habe sie inspiriert, sagt Zein.

Die Widerstände waren in der Überzahl, die Einwände teils bizarr: Zuschüsse und eine Nationalmannschaft gebe es erst, wenn es acht Teams im Land gebe, die regelmäßig spielen – „mindestens ein Jahr lang“ –, zudem werde ein eigenes Büro und Struktur benötigt, erklären Männer im Verband. Hoffnung gibt es also, solange die aktuelle Liga mit 21 Mannschaften dauerhaft Bestand hat. Abgezäunt, vor Blicken und Schmähungen geschützt, trainierten die Frauen, ein Platz, dessen Miete das Team kaum stemmen kann. Einige der Spielerinnen stammen aus dem Süden, flohen aber während des Krieges nach Khartum. Aufenthaltsgenehmigungen, wie die von Spielführerin Sara, werden nur verlängert, wenn die HIV- und Hepatitis-Tests, auf eigene Kosten, jeweils negativ sind.

Ab und zu wurde sie sogar aufgefordert, die Tests zu wiederholen, ohne Angaben von Gründen. Probleme, die neben den sportlichen Schikanen hinzukommen. Die islamische Regierung prüfte das Vorhaben, Frauenfußballteams zu erlauben und befand: „Sport für Frauen sollte dazu da sein, um sich fit zu halten – Fußball ist für Männer und für Frauen ungeeignet. (…) Sich von diesen Fußball spielenden Frauen vereinnahmen zu lassen, bedeutet, gegen die Natur der Frau zu sein und könnte gewalttätige Instinkte wecken.“

Das Publikum sah dies anders. Während die Frauen auf einem großen Platz kicken, sehen ihnen auch viele Männer zu. Buh-Rufe gibt es nicht, stattdessen Anfeuerungen, viele fiebern mit – wer da Fußball spielt, scheint allen egal zu sein. Auch weiterhin gibt es eine Kluft zwischen Volk und Regierung, zwischen offen und liberal beziehungsweise konservativ-islamisch.

Eine Spielerin berichtet von den Vorurteilen, die die Väter aufbringen und davon, dass sie, nachdem sie trotz des Verbotes kickte, zur Sicherheits-Behörde mitgenommen wurde, „weil ich Fußball spielte“. Mit Jungs auf der Straße zu spielen sei nicht in Ordnung. Wie Verbrecher wurden die Frauen von der Polizei befragt. Einige Männer trainieren und spielen trotzdem mit dem filmisch begleitenden Frauenteam, einer von ihnen erklärt: „Das Problem mit diesem Staat ist, dass es keinen Fortschritt gibt – warum können die Frauen nicht als Nationalteam spielen?“

Auch wenn es eine Liga gibt, wollen viele der Spielerinnen eine Nationalmannschaft haben. Dabei wäre das so wichtig, wie eine der Spielerinnen im Film beschreibt: „Wenn du im Ausland bist, bekommst du das richtige Leben mit – und kannst Dich im Spiel gegen andere Nationen messen. Das wäre für uns Frauen von Bedeutung.“ Aber: „Der Verband behandelt uns wie einen Regenschirm – sie vernachlässigen uns und wenden sich nur dann uns zu, wenn sie ihn brauchen.“ Dann nämlich, wenn die FIFA dem Verband für die Entwicklung des Frauenfußballs Geld geben soll.

Die Anfänge sind gemacht, doch bis zur Gleichberechtigung ist es noch immer ein weiter Weg. Denn das größte Ziel der Fußballerinnen: die Teilnahme an einer Weltmeisterschaft. Bis dahin dürfte es noch ein sehr langer Weg sein.


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