Aus dem aktuellen Heft 87


Wollt ihr den unfehlbaren Fußball?

Ein Kommentar von Stefan Erhardt

 

Und wieder ein neues Trainingsinstrument, mit dem die Leistung der Spieler optimiert werden soll: EXERLIGHTS! Das ist eine Wortkombination aus exercise und lights und soll die Wahrnehmungsfähigkeit von Fußballern schulen.

Entwickelt wurde es vom Sportmediziner und Trainingswissenschaftler Matthias Lochmann: dabei handelt es sich um ein spezielles mit LEDs besetztes Shirt, das sich der Spieler anzieht. Dazu werden mit vier Leuchtstreifen Tore markiert. Dann setzt die Steuerung ein, und je nach Konfiguration des Programms leuchten Shirts und Marker in unterschiedlichen Farben, woraus sich zum einen die Zusammensetzung der Teams ergibt und zum anderen angezeigt wird, auf welche Tore die jeweiligen Teams spielen müssen. Dies steuert entweder die Software oder der Trainer per Smartphone. Von einem Moment auf den anderen kann es neue Impulse geben, die Spieler müssen sich also ständig neu orientieren: Wie viele Mitspieler habe ich? Wo sind sie? Auf welche Tore muss ich spielen?

Das Ziel ist laut Erfinder das effektive Trainieren der „Spielintelligenz“. Im kicker erklärt Professor Lochmann, der sich an der Universität Erlangen-Nürnberg unter anderem mit der Wahrnehmung von Fußballern beschäftigt: "Mit dem System wird die Handlungsschnelligkeit enorm geschult.“ Und ergänzt:  „Die Bereiche Athletik, Technik und Taktik sind im Fußballtraining schon sehr etabliert, bei der Spielintelligenz gibt es dagegen noch viel Potential."

Ob es allerdings den intelligenten Spielern nicht bald bei einer derartigen Lichtorgelei den Vogel raushaut? Was sollen die Spieler denn noch alles können müssen? Was soll noch aus ihm wie aus allen anderen postindustriellen Arbeitnehmern herausgepresst werden, zum Ziele der Leistungssteigerung?

Was wird einem Profi noch alles verordnet, vorgeschrieben, aufgezwungen werden – der 365-Tage-Ernährungsplan mit gen-optimierter Nahrung? Die Urlaubsplanung mit typenoptimierter Reisebegleitung? Welche Matratze er zum Schlafen benutzt? Wen er wann heiratet?

Ist das letztlich der verzweifelte Versuch, durch Streben nach Perfektionismus, der niemals eintreten kann, da Menschen, noch mehr aus den Ballartisten herauszuholen, noch mehr Kasse zu machen in jeder HInsicht – hinsichtlich der Trainingsmethoden und des Trainingsequipments, das teuer bezahlt werden muss, hinsichtlich der Zuschauer, die das teuer bezahlen müssen?

Vor kurzem der Chip im Ärmel, mit dem der Trainerstab Sekunde für Sekunde die körperlichen Leistungen des Spielers messen, verfolgen und aufzeichnen kann – nun die App in Trainerhand: gebt doch endlich zu, dass ihr Profitvereine Spieler wie FIFA25 haben wollt!

Aber warum dann nicht gleich das Original(!) in den Stadien implementieren? Avatare, Hologramme –  oder eben gleich Roboter antreten lassen! Dann entscheidet die Programmierung, dann entscheidet sich das Spiel digital, und nicht mehr analog; entmenschlicht, und nicht mehr menschlich; keine strittigen Szenen mehr, keine Fehlentscheidungen – die Software ist immer und stets korrekt und unfehlbar. Das ist es, was die Profiteure haben wollen!

Übrigens: Eine Gruppe von fußballbegeisterten Wissenschaftlern sagte in dem 2003 erschienenen Buch  „Endspiel 2050 – Wie Roboter Fußball spielen lernen“ voraus: spätestens im Jahr 2050 werden ein Roboterteam und eine Menschenmannschaft gegeneinander antreten – und die Roboter werden gewinnen. Dann ist endlich Ruhe im digitalen Karton: endlich ist auch dieses Leben gezähmt, getötet, in Nullen und Einsern eingesperrt. Dann endlich herrscht die Neue Fußball-Welt. Ob es eine schöne sein wird, wage ich nicht vorherzusagen. Über den Videobeweis oder über Abseits wird man jedenfalls nicht mehr diskutieren.

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Informationen zu EXERLIGHTS unter www.kicker.de/news/fussball/amateure/709222/artikel_fuer-exerlights-auf-der-kickercrowd-sammeln.html 

 

 

 


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