KRITIKER

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Die Quadratur des Fußballs

Markenzeichen des Magazins „Der tödliche Pass" sind gepflegte Worte, Exklusivität der Themen und Liebe zum Sport

Von Udo Watter (Süddeutsche Zeitung) - - - 31. März 2011

München - Die Karriere von Deutsch­lands beliebtestem Sport als Gegenstand feuilletonistischer Betrachtung begann zu einer Zeit, als die phänotypische Hege­monie von Matte und Schnauzer bei den Protagonisten allmählich verschwand. Mit dem Abgang des Vokuhila-Fußbal­lers Mitte der 90er – fairerweise muss hin­zugefügt werden, dass sich zahlreiche Spieler dieses Stylings nie bedienten – war freilich der Weg nicht automatisch geebnet für den Einzug des Massensports in die anspruchsvolle Publizistik. Wenn ihm damals auch nicht mehr unbedingt der Ruch des Proletenhaften anhaftete, so klang das Begriffspaar Fußball und Kultur doch noch eher dissonant .

Inzwischen hat sich das bekanntlich verändert, heute gibt es eine Autoren-Na­tionalmannschaft, es gibt die Deutsche Akademie für Fußball-Kultur und diver­se Zeitschriften, die über den biederen Duktus des Kicker hinaus kluge und hin­tersinnige Texte liefern. Die erste Publi­kation dieser Art war indes nicht das heu­te mit Abstand erfolgreichste Magazin Elf Freunde (gegründet im Jahr 2000), sondern Der tödliche Pass. 1995 erstmals in München erschienen, gebührt dem „Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballs" die Ehre der Vorreiterrolle im deutschsprachigen Raum, und auch heu­te noch bedient es einen kleinen, erlese­nen Abonnentenzirkel in der ganzen Re­publik.

Am heutigen 31. März erscheint die 60. Ausgabe, und das Jubiläum wird am Freitag, 1. April, in der Buchhandlung „Literatur Moths" mit einer Lesung gefei­ert. Auf dieser tragen neben dem Redakti­onsteam – den drei Münchnern Stefan Er­hardt, Johannes John und Claus Melchi­or – etliche Gastautoren wie Fridolin Schley verschiedene Texte zum sportli­chen Sujet vor (Beginn 19.30 Uhr). Ermü­dungserscheinungen gibt es bei dem Gründer-Trio, das seit den Anfängen 1994/95 dabei ist; noch lange keine. „Uns gehen die Ideen nie aus, im Gegenteil", sagt Erhardt. „Das nächste Ziel ist jetzt die 100. Ausgabe."
 

Auch Mut zur eigenen Bildsprache kennzeichnet das Magazin.       Foto: oh

Erhardt, Englischleh­rer an einem Münchner Gymnasium, war damals der Initiator, in dem Literaturwis­senschaftler John und dem Buchhändler Melchior fand er ebenso gebildete wie fußballverrückte Mitstreiter. Inspiriert war das Projekt von gut geschriebenen englischen Fanzines. Gespeist war es zu­dem aus einer Opposition gegen die damalige kommerzielle und seichte Bericht­erstattung im Privatfernsehen („ran"). „Es war ja gut, dass die alte Tante Sport­schau mal abgelöst wurde, aber ,ran` war nur eine Werbesendung mit Fußball", kri­tisiert Erhardt. Die Aversion der Grün­der gegen Worthülsen und das martiali­sche Vokabular spiegelte sich im ironi­schen Titel Der tödliche Pass wider. Gleichzeitig war es freilich auch eine Hommage an den Frankfurter Spielma­cher Uwe Bein, der für seine Zauberpäs­se berühmt war – und an die Schönheit des Spiels generell. Denn darum ging es den Dreien von Beginn an auch: um die dem Spiel innewohnende Ästhetik, um das Kulturphänomen Fußball, um seine Verknüpfung mit Literatur, Kunst und Soziologie, aber auch mit politischen und wirtschaftlichen Komponenten.

Begonnen hat das Projekt 1995 mit 150 fotokopierten Exemplaren, die an Freun­de und mutmaßliche Abonnenten ver­schickt wurden. Redaktion war und ist noch heute Erhardts Büro. Man etablier­te sich bald auf einem stabilen Niveau von 500 bis 600 Exemplaren. 1999 ging Der tödliche Pass schließlich in Druck, inzwischen arbeitet ein Grafiker mit, die Auflage liegt derzeit etwa bei 600 Exemplaren, und die Edition ist in Schwarz-Weiß gehalten. 2005 im Vorfeld der WM in Deutschland wagten die Macher des Magazins kurzzeitig den Sprung an den Kiosk und die Auflage wurde auf 2500 er­höht, doch der Erfolg war nicht so durch­schlagend und das finanzielle Risiko dau­erhaft zu groß. So blieb man, anders als die Elf Freunde, ein Magazin für einen sehr überschaubaren Leserkreis, das ei­nen aufklärerischen Anspruch hat und vierteljährlich erscheint.

Die große Lust an Diskursen und Ironie

In der Tat ist es eine Art akademischer Fußball-Vierteljahresschrift, in der in­zwischen rund 20 Stammautoren auch aus Barcelona, Wien und Florenz schrei­ben. Es gilt die Maxime „Mehr Fußball le­sen" – die Texte sind teils recht lang und setzen nicht zuletzt durch den nonchalan­ten Einsatz von Fremdwörtern und Neo­logismen ein gehobenes Bildungsniveau voraus. Der bekannte Radio-Sportrepor­ter Günter Koch sagte einmal, er müsse die Texte im Tödlichen Pass immer zwei­mal lesen, bevor er sie richtig verstehe.

In den Artikeln spiegelt sich freilich auch die große Liebe zum Thema, die Lust am Diskurs und Ironie. Es gibt Buch-Rezensionen und WM-Sonette, Rubriken wie Kunstschuss, tagebuchartige Rück­blicke auf Spiele oder originelle Fußball-Fotostrecken aus unbekannteren Weltge­genden. Die Texte befassen sich etwa mit „Fußball als postmoderne Kulturmaschi­ne“, es wird die Geburtsmetaphorik in der Sportberichterstattung thematisiert. Der Abonnent liest Reportagen über die zweite Tipp-Kick-Bundesliga oder Un­tersuchungen, wie sehr die Omnipräsenz von Fernsehbildern die Wahrnehmungs­weise des Fans verändert hat. Die Artikel sind klug und teils liebenswert subjektiv.

Gerne im Fadenkreuz der Kritik sind journalistische Fehlleistungen, Phrasen­geschwätz und Machoverhalten im Sport-Milieu oder die explodierende Kommerzi­alisierung. Bei aller partiellen Kritik an der Entwicklung des modernen Fußballs

lässt das Triumvirat John, Melchior und Erhardt aber letztlich nichts auf den ge­liebten Sport kommen. Wenn die drei nicht gerade darüber debattieren oder – wie morgigen Freitag – lesen, spielen sie zusammen: jeden Mittwoch in der Halle.

© Süddeutsche Zeitung 2011


 

Fußball-Bibel für Intellektuelle:

"Der tödliche Paß" ist ein Fan-Magazin der besonderen Art

"Fußball hat sehr viel mit Kultur zu tun" - Drei Münchner analysieren die Liga

Von Florian Kinast

 

Es geht um den "sakralen Moment" des Trikotüberstreifens, um die Rückennummer als "Signatur des Individuellen", es geht um die "Verbaldiarrhöe" und die "übliche bemühte Maulhuberei des rheinischen Lautsprechers" Christoph Daum und um den "gefürchteten Metaphernschmied und Großmeister der Allusionen" Jürgen Kohler. Nachzulesen in Kicker, Sport-Bild, Bravosport? Niemals. Nur in der ultimativen Fußball-Bibel: "Der tödliche Paß."

Ein Fanzine für Intellektuelle von Intellektuellen. Drei Münchner, die in ihrem Alltag eigentlich weit vom Fußball entfern sind: Stefan Erhardt ist 38, trägt sein strohblondes Haar schulterlang, hört am liebsten atonalen Jazz und abstrakte Klassik und war bis vor kurzem Pressesprecher im altehrwürdigen Kultusministerium. Dr. Johannes John (40) ist Germanistik-Dozent an der Uni und referierte in diesem Semster in einem Proseminar der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft über "Erzählungen und Novellen des 20. Jahrhunderts", und der promovierte Anglist Claus Melchior (43) arbeitet in der englischen Hinterhof-Buchhandlung "Word's Worth" in der Schellingstraße.

Paßt das überhaupt zusammen, drei hochgeistige Menschen, die in ihrer Freizeit nichts Besseres zu tun haben, als sich mit der Lieblingsbeschäftigung des gemein-proletarischen Deutschen schlechthin abzugeben? Es paßt. Fußball als philosophisches Gesamtkunstwerk. "Natürlich haben wir manchmal Probleme, Leuten aus unseren Kreisen zu verdeutlichen, daß Fußball sehr viel mit Kultur zu tun hat. Wir wollen den Fußball auch wegbringen von dem Image, es sei nur ein Sport für Halbstarke mit dem Messer im Stiefelschaft", erzählt der bekennende und daher leidende Eintracht-Frankfurt-Anhänger Erhardt.

Er hatte 1994 auch die Idee zu der Zeitschrift, die viermal im Jahr erscheint und mittlerweile eine Auflage von 400 Exemplaren hat. Der Titel des Magazins war laut Erhardt bald gewählt: "Der tödliche Paß ist ja eine Floskel, die hochgekommen ist in einem ganz bestimmten Sender in einer ganz bestimmten Sendung, die uns gestunken hat, nicht nur weil sie Floskeln verwendet, sondern auch schlechte Berichterstattung betreibt." Weg von "ran", hin zur "näheren Betrachtung des Fußballspiels", wie der Untertitel des Heftes lautet.

So zieht sich die Kritik an der Infotainment-Show auf Sat 1 wie ein roter Faden durch die Schrift. Stefan Erhardt nahm einmal mit der Stoppuhr vor dem Fernseher die Zeit, die man sich eigentlich sparen hätte können: Jörg Wontorra ließ sich zu Beginn einer freitäglichen "ran"-Sendung 29 Sekunden lang vom Publikum Beifall spenden, von den übrigen 59,5 Minuten der Show entfielen 14 Minuten auf die Werbung und ebensoviel Zeit auf die Selbstbeweihräucherung des Moderators.

"Das darf man nicht hochsterilisieren"

Natürlich stehen auch die ausführenden Organe, also die Fußballer selbst, im Mittelpunkt der ironisch-kopflastigen Artikel. Fußballer, die bei Gesprächen mit Reportern hin und wieder auf dem glatten Parkett der deutschen Sprache ausrutschen. Man darf erinnern an Olaf Thons "Ich hab ihn so leicht retouchiert" oder das legendäre "Das darf man nicht hochsterilisieren" von Strafraumwühler Bruno Labbadia.

Daß Andy Möller und Lothar Matthäus bei dem fußballverrückten Autoren-Triumvirat nicht zu den sympathieträchtigsten Protagonisten gehören, überrascht nicht. Und was Matthias Sammer betrifft, meint Melchior, "auch wenn er auf Roland Kaiser steht (was wir nicht ganz nachvollziehen können), ist er doch ein interessanterer Gesprächs-Partner als die übrigen Bundesliga-Spieler - nur seine pausenlose Reklamiererei beim Schiedsrichter ärgert mich einfach maßlos."

Darum ist die "philosophische Vierteljahreszeitschrift" (Erhardt) ein Produkt wider den geistigen Flachpaß, was Dr. John ganz simpel auf den Punkt bringt: "Fußball ist eine so einfache Sache, daß sie gelegentlich auch kompliziert erklärt werden muß."

So wie in der letzten Ausgabe, als der Germanistik-Dozent (Doktorarbeit: "Aphorismen bei Goethe") bei seinen nicht ganz ernst gemeinten Gedanken zu den Modifizierungs-Reformen im Europapokal nicht mehr zu bremsen war. Zitat gefällig?

"Zum Verständnis muß man die Texte zwei Mal lesen"

"Die Absteiger spielen in einer Sonderrunde, dem sogenannten L-Cup (=Loser-Cup) einen Vertreter aus, der in einer Qualifikationsrunde im Vergleich mit den 14 besten, in der ersten Runde des UEFA-Cups ausgeschiedenen sowie dem Vizemeister des UI-Cups dasjenige Team ermittelt, das nach der dritten Runde des UEFA-Cups, zwischen Weihnachten und Neujahr wäre wohl noch Zeit, die drei besten Ausgeschiedenen jener UEFA-Runde in einem direkten Vergleich nochmals herausfordern dürfte. Die beiden Vereine, die sich in dieser Sonderrunde durchsetzen, stehen dann automatisch auf der Liste des Ch-Cups (=Challenge-Cup); der mit den vier letzten für den UI-Cup des nächste Saison qualifizierten Clubs im direkten Vergleich drei noch vakante UEFA-Cup-Plätze ausspielt."

Da räumt selbst Dr. John ein: "Manchmal sagen uns die Leute, daß man unsere Texte zweimal lesen muß, bevor man sie wirklich versteht." So wird es wohl auch in Zukunft sein: Für die nächste Ausgabe plant der Löwen-Anhänger, Rechen-Künstler und Statistik-Fetischist Melchior eine Klassifizierung der Fahrstuhl-Mannschaften zwischen Erster und Zweiter Liga. Und der eingefleischte Bayern-Fan John ("Ich fänd es ein Greuel, wenn im Stadion 60 000 Leute wie ich säßen, die einfach stumm dasitzen würden, sich das Ganze anschauen und dann nach Hause gehen") wird sich in der neunten Folge seiner Rubrik "Berufsbilder im modernen Fußball" den gemeinen Jubler vornehmen.

Vom Ravanelli'schen Trikot-über-den-Schädel-Zieher über die Kuntz-Säge bis hin zum Klinsmann-Diver, denn, so Melchior: "Heute wird ganz anders gejubelt als noch vor 20 Jahren. Der Torjubel ist ja keine unmittelbare authentische Äußerung, sondern ein wandelbares kulturelles Phänomen." Und "Der tödliche Paß" ist die Quadratur des Fußballs.

(c) abendzeitung 31.7.1997

 



Die postkoitale Traurigkeit des Fußballs

„Der tödliche Paß“ – ein Sport-Fanzine aus der Feder dreier Akademiker findet immer mehr treue Anhänger

Von Jochen Temsch

 

Was hat Fußball mit Pornographie zu tun? Wieso sind Sympathieträger wie Mehmet Scholl oder Manni Schwabl Inkarnationen von Werte-Katalogen und Ehrenkodizes? Und wie kann sich das auf die Xenophobie auswirken? Warum sind die Spieler des FC Bayern nur die fremdländischen Söldner im Heer einer höheren indigenen Macht? Andererseits: Wer versteht solche Fragen ohne Wörterbuch? Und: Ziehen sich Leute, die solche Fragen über eine Sportart stellen, ihre Turnschuhe jeden Morgen mit der Beißzange an? 

Wer Antworten darauf will, muß eine ganz spezielle Spezialzeitschrift lesen. Sie heißt Der tödliche Paß und ist Deutschlands intelligenteste Fußballpostille. Sie erscheint alle drei Monate, kostet drei Mark, hat rund 50 DIN-A-5-Seiten und den optischen Charme einer überdurchschnittlich gut gemachten Schülerzeitung. Herausgegeben wird sie von drei scharfzüngigen Münchner Akademikern. Diesen Monat feiern sie das vierjährige Jubiläum ihrer journalistischen Quadratur des Balles. Der verantwortliche Redakteur Stefan Erhardt sagt: „Aus einem systemtheoretischen Ansatz heraus kann man Fußball als Metapher für die Gesellschaft sehen.“ Am Anfang sahen das noch recht wenige Leser genauso. Erhardt, im Brotberuf Englischlehrer an einem Gymnasium, meint: „Die Abonnenten hätten zusammen an einen ausgezogenen Küchentisch gepaßt. Dann in zwei Umkleidekabinen. Jetzt bräuchten wir eine kleine Sporthalle.“ 

Nichts für feinsinnige Knaben 

Einen Großteil der Auflage von 500 Exemplaren des Tödlichen Passes schickt er den Lesern per Post nach Hause. Diese Leute sind Fans, gierig darauf, regelmäßig zu erfahren, was Erhardt und seinen zwei Kollegen – dem Literaturwissenschaftler Johannes John und dem Buchhändler Claus Melchior, die beide mit Doktortitel im Impressum firmieren – über Fußball im Kopf herumgeht. Dann lesen sie zum Beispiel boshafte Zitatesammlungen, in denen alte und neue Fußballphilosophen nebeneinander stehen. Zum Beispiel Oscar Wilde („Fußball mag ein durchaus passendes Spiel für harte Mädchen sein, als Spiel für feinsinnige Knaben ist er wohl kaum geeignet“), Berti Vogts („Wir dürfen nicht deutsch spielen, wir müssen intelligent spielen“) und andere, die wie Andy Möller manchmal „vom Feeling her ein gutes Gefühl“ haben. Außerdem gibt es im Tödlichen Paß Rubriken wie „Das Tagebuch“, eine Art Gegen-Geschichtsschreibung, die zurückliegende Spiele und Anekdoten aufwäscht, neben den großen Siegen und Niederlagen unter anderem auch beobachtet, wie Marco Bode sich weigert, die Nationalhymne zu singen.

Oder „Moderne Berufsbilder im Fußball“, wo zum Beispiel „Der Publikumsliebling“, „Die hängende Spitze“ und „Der Vorstopper“ zerpflückt werden. Es gibt „Die Skeptikerecke“, in der eine Juristin aus dem Ruhrgebiet frei nach Schnauze in ihrem Dialekt zum Beispiel die Integration von ausländischen Spielern in Multi-Kulti-Teams fordert. Es gibt eine Blütenlese aus Zeitungen, eine Sprachkritik an Dummdeutsch und militaristischen Floskeln („Kontrollierte Offensive“, „Über den Kampf zum Spiel“). Nicht zu vergessen die Listen wie „Die Top-Seven berühmter Fouls der deutschen Fußballgeschichte“ (Platz 1: Harald Schumacher an Patrick Battiston, 1982 in Sevilla). 

Das Ganze ist in einem derart raffinierten Sprach-Dribbling formuliert, daß man manche Artikel zweimal lesen muß, um sie halbwegs zu kapieren. Johannes John meint: „Der tödliche Paß ist eine Schule der Wahrnehmung.“ Am Anfang war die Medienkritik am Spiel als Show und Gesülze, vor allem in ran, dem Lieblings-Haßobjekt der drei Nebenbei-Sportjournalisten. Im Fernseh-Fußball geht es ihrer Meinung nach nur noch um Stars, Sensationen und Skandale, Brutalität, bunte Bilder und Banalitäten. 

Die Autoren vom Tödlichen Paß glauben an einen Fußball, der mehr ist als Ware und totale Vermarktung. Sie meinen, seine Betrachtung gebe Aufschlüsse über die menschliche Natur. Das hört sich ernster an, als das gedruckte Ergebnis dieser Betrachtungen aussieht. Der Tödlichen Paß ist in der Tradition der Fanzines aufgezogen. Das sind photokopierte und zusammengetackerte Zeitschriften in Kleinst-Auflage, mit denen Fans ihre Meinung zu Randthemen verkünden, die in den richtigen, großen Magazinen nie behandelt würden. Fanzines entstanden im Zuge der englischen Punk-Bewegung Ende der siebziger Jahre. Manche dieser Blätter etablierten sich, zum Beispiel das Popkultur-Zentralorgan Spex oder die Techno-Illustrierte Frontpage. Über Fußball schreiben in Deutschland mehr als 100 Fanzines, die für ein paar Mark vor den Stadien verkauft werden und zum Beispiel Blutgrätsche heißen, Löwenzahn und Um halb vier war die Welt noch in Ordnung.Aber keines dieser Magazine ist so smart wie Der tödliche Paß. 

Der hängt auch nicht, wie all die anderen, an einem bestimmten Verein. Die Drei vom Tödlichen Paß mögen Eintracht Frankfurt, Bayern München und den TSV 1860. Ihre Watschn teilen sie hart aber gerecht nach allen Seiten aus. Und wissenschaftlich fundiert, versteht sich. Zum Beispiel wies Stefan Erhardt einmal mit der Stoppuhr nach, daß in einer beliebigen ran-Sendung nur die Hälfte der Sendezeit auf Spielberichte entfällt, der Rest auf Werbung und das Gelaber des Moderators – zuviel Selbstdarstellung, zu wenig Fußball, lautete das Fazit Erhardts. 

Kopfballspiel

Ein Schuß intellektuelle Eitelkeit ist schon mit im Spiel beim Versuch, den Fußball von den Füßen auf den Kopf zu stellen. Johannes John sagt: „Immer nur Recht zu haben, macht melancholisch.“ Und Claus Melchior, der eben ein kritisches Buch über den TSV 1860 veröffentlich hat, ergänzt: „Ich komme mir vor wie ein alternder Moralist, wenn ich auf die guten Sitten hinweise, stehe aber dazu.“ Apropos. Wie ist das denn jetzt mit Fußball und Pornographie? Johannes John schreibt im Jubiläums-Heft: „Diesen Zusammenhang von Erregung und Ennui hat keine Wendung besser in Worte gefaßt als jenes aristotelische ,omne animal post coitum triste‘, an das uns Ecos Name der Rose wieder erinnert hat; ebenso prägnant ist ja die Formel vom ,großen Tod‘.“ Aha. Ach so.


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