fussball und film

Fantastisch phantastisch: Ein Versuch, DIAMANTINO in ein Genre einzuordnen

Von Paul Schönwetter

Ist DIAMANTINO (Gabriel Abrantes, Daniel Schmidt: Portugal, Frankreich, Brasilien, 2018, 92 Minuten) eine Cristiano-Ronaldo-Satire? Eine Gesellschaftskritik? Eine Fußballkomödie mit phantastischen Elementen? Ein vollkommen verrückter Sci-Fi-Film, der sich in einen Detektiv-Thriller wandelt? Ein surreales Pop-Art-Kunstwerk mit musikalischer Untermalung der 1990er Jahre? Modernes Queer-Kino? Intelligente Politiksatire? Schräger Klamauk? Auf jeden Fall ist es einer der wunderbarsten wie sonderbarsten Fußballfilme, die je produziert wurden, der all die genannten Elemente und noch viel mehr beinhaltet und definitiv seinesgleichen sucht, ohne je ein Pendant auch nur im Ansatz zu finden. Bedenkt man, dass das Werk 2010 als Komödie geplant war, die in Haiti spielt und deren Hauptfigur eine brasilianische Millionärin sein sollte, und dass die Endfassung von zwei us-amerikanischen Regisseuren gedreht wurde, die nicht einmal wirkliche Fußballfans sind (man merkt es daran, dass Diamantino am Vortag des WM-Finals in Russland auf dem Boot mit seinem Vater, seinen Schwestern und Freunden ausspannt – in Portugal), fehlen einem noch mehr die Worte, um das Werk zu fassen zu bekommen. Rasant und nie dagewesen, kitschig naiv – ein Riesendinosaurier im Schlafzimmer des Fußballstars zeugt davon – die komplette Bandbreite an Gefühlen wird ausgespielt und wenn teils leider auch nur in kleinen Szenen dargestellt, begeistert diese Reise durch die Emotionen mit all seinen kreativ-bizarr-grotesk-absonderlich-absurd-unsinnigen Ideen. Flauschige, riesige, rosafarbene Hunde? Spielen eine große Rolle im Kopf, im Geiste Diamantinos, während er seine Gegenspieler leicht ausdribbelt.

 

Diamantino (Carloto Cotta, großartig!) ist ein Fußballstar – als Portugiese nicht nur äußerlich Cristiano Ronaldo ähnlich –, der im WM-Finale einen Elfmeter verschießt, einen Flüchtling aufnimmt (und ihn mit Schokopfannkuchen und Bongo-Saft verwöhnt), der aber hinter der Steuerhinterziehung her ist, die seine bösartigen Zwillingsschwestern ohne sein Wissen begehen, und die ihren Bruder an die rechte Regierungspartie verkaufen, welche den Star für eine Anti-EU-Kampagne missbraucht und ihn klonen will, um Portugal zu stärken. Das klingt nur halb so verrückt, wie es tatsächlich ist und beinhaltet noch lange nicht alle Elemente des Filmes. Neben dem bombastisch großem Ganzen, das den Zuschauer beim ersten Zuschauen schier erschlägt, sind es all die kleinen Dinge, die einem nach und nach auffallen und mehr oder minder begeistern. Allein die Anfangssequenz hat eine grandiose Wirkung, die man kaum zu fassen bekommt: „Als ich ein kleiner Junge war, liebte mein Vater es sehr, mir Kirchen, Parks und all die schönen Paläste zu zeigen. Er war nicht besonders religiös. Aber er liebte Kirchen. Er mochte es, die Malereien an den Decken zu betrachten. Und dabei sagte er oft: ‚Diamantino, diese Decken sind grandios! Sie sind so schön, dass sie den Menschen Hoffnung spenden können.’ Am liebsten mochte er die Deckenmalereien der Sixtinischen Kapelle. Aber er meinte, Maler wie Michelangelo gebe es heute nicht mehr, sie existieren nicht mehr. Er sagte, die schönste Kunst heutzutage entstehe hier: Hier in dieser neuartigen Kathedrale.“ – eingeblendet wird das Fußballstadion, in dem Diamantino gerade das WM-Halbfinale entscheidet.

 

Die Doppelnull Diamantinos als Trikotnummer ist genauso pure Ironie wie sein vollständiger Name Diamantino Matamouros – der Nachname heißt soviel wie „Mauren töten“, eine feine Verbindung, um ihn, die Naivität in persona, für faschistische Propaganda zu missbrauchen. Nach außen wirkt er wie ein selbstverliebter, gottesähnlicher Schnösel, das sublime Innere aber ist von unfassbarer Schönheit, Menschlichkeit geprägt, weich, fürsorglich und zum Gernhaben… In seinem Kopf ist Diamantino am glücklichsten und ruhigsten, auf dem Feld hilft ihm seine Phantasie, wenn er sich die Hunde vorstellt, um erfolgreich Fußball zu spielen. Die Realität mit all ihren Nöten, Krisen und Fallen hindern ihn daran, zu sein, wie er ist.

 

Die boulevardeske Ausschlachtung seines Versagens live im Frühstücks-TV ist eine herrliche Szene, angelehnt an Oprah Winfreys Interview mit Armstrong, die die Naivität und Weltfremdheit des modernen, kapitalistischen, umtätschelten Fußballstars aufzeigt und auskostet: „Woher soll dieser Flüchtling kommen?“, wird Diamantino gefragt, der wie folgt antwortet: „Vielleicht aus Kanada?“ Die Flüchtlings„übergabe“ findet in einem dunklen Parkhaus, fernab des medialen Blitzlichtgewitters statt, an realistischer Inszenierung soll hier nicht gedacht werden, die atmosphärische Darlegung eines vollkommen verrückten Hergangs steht im Vordergrund. Wird in einem späteren Element das Schwein oder Diamantino von seinen Zwillingsschwestern im Irrgarten vor dem Anwesen gejagt? Eine Anspielung auf die Schlussszene des großartigen Kubrick-Films Shining. „Das neuner Samsung, aktuelles Design“ erklärt Diamantino und zeigt in seiner Naivität sieben Finger – während seine Schwestern als Passwort ihrer Offshore-Konten, mit denen sie ihren Bruder berauben, „reiche Schlampen“ wählen. Sprachlicher Witz ist genauso enthalten („Dr. Lamborghini, ein Lamborghini hat soeben am Eingang geparkt.“) wie das geschickte Dechiffrieren rechtspopulistischer Propaganda. Denn das Klonen Diamantinos verändert seinen männlichen Astralkörper: Ihm wachsen Brüste. Als er diese für einen Anti-EU-Werbedreh entblößen soll, versucht er sich zu erklären: „Alle haben eine zweite Chance verdient. Auch ich habe eine zweite Chance verdient. Portugal hat eine zweite Chance verdient.“ Herrlich!

 

„Das Anliegen des Filmes ist manchmal etwas verrückt“, sagt Regisseur Gabriel Abrantes – eine gnadenlose Untertreibung: „Unser Verständnis von Kino: Es soll kitschig und durchgeknallt sein. Aber auch schön.“ Das ist zweifelsohne gelungen. Ein ironisch-absurdes Abbild der Gegenwart? „Die Realität ist die eigentliche Parodie“, entgegnet der Regisseur und hat damit vollkommen Recht. Kritik bleibt lediglich, dass all die vielen Themen oft nur angeschnitten bleiben und vieles ausgebaut werden könnte, um vollends zur Geltung zu kommen. Doch wahrscheinlich ist all das, so, wie es ist, weil die beiden Regisseure immer wieder spontan kreativ ihre Ideen umsetzten und sich nie streng an ein Skript hielten. In der deutschen Synchronisation bleibt zudem die Stimme Diamantinos ein Ärgernis, wenn man das Original kennt: Im Deutschen fehlt definitiv der naive Singsang im Portugiesischen, der den Hauptcharakter perfekt umschreibt, ohne zu übertreiben.

 

DIAMANTINO? Sowohl Film als auch Hauptfigur scheinen nicht von dieser Welt zu sein, und doch decken sie gnadenlos mit ihren phantastischen Elementen und Argumenten die bitterböse Realität der Gegenwart auf, indem sie das Publikum unterhalten. Es müsste eine neue Genre-Kategorie erfunden werden – bis es soweit ist, kann nur festgehalten werden: DIAMANTINO ist ein fantastisch phantastischer Film.

 


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