Aus dem aktuellen Heft 85


 

POKALDEBAKEL

(für die H.F.s dieser Welt)

 

Von Stefan Erhardt

 

 

Erwartet hatte man ja glatt ein Pokalfinaldebakel

für die Söldner im Dienste des

börsenbeärmelten Erstligabusinesses aus Frankfurt

dass dann doch ein ordentlicher Kick

gegen die Goaliathgetter im Dienste des

börsennotierten Erstligabusinesses aus Dortmund

auf den tartanischen Rasen (wie lange noch?)

gelegt wurde verdankte sich dem Spaßimpetus

der Rauschgoldengel und der strammen Militärkapelle

angetreten den Millionen und Abermillionären schon gleich mal

den Marsch zu blasen über die Flügel

Einigkeit zu beschwören

und den des Glückes Unterpfandflaschen zu drohen

mit verblühendem Glanze

auch wenn allenfalls ein

zwei drei Einlaufkinder

dem Text haben überhaupt folgen können.

 

Die Stimmung auf den Rängen sensationell –

paraflaniert simonisch der Mikrophoniker;

schnell noch ein Bit (die Leitung steht)

und eine Lebensversicherung (denn versichern heißt verstehn)

den fadengekreuzten Ball auf den Punkt gebracht

und schon geht’s los

ohne dass was zu sehen ist:

die Spieler verborgen unter uringelbem Rauch

Pyro von Egomanikern

zugleich ein Sieg der Schmuggler

deprimiert den Reporter:

„wir müssen geduldig sein...“

nur ob wir wollen

fragt er nicht

fragt er gar nicht mal mehr

ist's Resignation oder Kapitulation vor

der Ultrabrachialinszenierung

des unbedeutenden Selbst?

 

Mittlerweile verläuft sich der Ball

kreuzquer auf dem gelben Rasen

die ersten Pässe werden auf Reisen geschickt aber

0,0 Gefahr fürs Dortmunder Tor

bitburgert der Mikromann alkoholfrei

das schnell fällt jungfranzösisch –

eine Kopie der FIFA-17-Partie gegen Bayern?

Und wenn das Tischtuchel zerschnitten scheint

dem Watzkemann eitel Sonne die

dem Trainingsanzugträger zugleich ins Gesicht huscht

echte Liebe

wahre Liebe

die sein schwarzbetuchter Gegenspieler alsbald

auch verspürt als bestaunt er seinen der vielen vom Balkan

darob was der doch nur alles am Ball kann –

„jetzt packt der hier so einen genialen Pass aus!“

lobhudelts am Mikro

(na die acht Tage bei Limassol können's nicht gewesen sein)

und beinahe wäre der Kick

davidesk gekippt hätte die Fahrradkette

den Globus einen Tick nur schneller

gedreht um den Pfosten.

 

So marketendert der Anstaltssprecher

„durchschnaufen und den weiteren Abend planen“

als ging es um nichts

und die Halbzeitschrecke mit Ansgar und Fleming

hineinposaunt ins fanatische Spaßgetriebe

steht die krassnojarsk Strahlende

die Achselhöhlen nachrasiert

die Fingernägel mit Köpfen schwarzgemacht

ihre Netze siren abfeuerbereit

zu geben den Pausenclown

ohne Gang, Gag und Gage

jedoch völlig in Rage

die zahlende Meute

aus den borsigen wie börsigen Erdkreisen

74322 gespitzter Lippenpaare

oder sind’s nur 66666

teuflischlaut mit rotkartigen Augen

fisherwoman's fiends

anpfeifend gegen den Ohrenkrebs

(nagut, es hätte auch David Guetta sein können)

gnadenlos / durch die Nacht

die Fans war'n sauer / keiner mitgemacht

gnadenlos / ausgelacht

und keiner beim DFB

kann die Aufregung verstehn

und im Ü-Wagen dreht man die Außenmikros lieber leiser.

 

Der Fischer ging keiner ins Netz,

unterdes die Tagesschau verrichtete ihre Telearbeit:

-       Merkel rummeniggt „sehr unzufriedenstellend“

-       England „senkt“ eine Terrorwarnstufe in den Sprachkeller

-       London legt gegen den Strom der Passagiermeuten zwei Flughäfen lahm

-       Sri Lanka überschwemmt Zehntausende Obdächer

-       die Lottozahlen lauten 23 24 25 27 und 29

-       die Temperaturen heizen die Stimmung auf 33 Grad hoch

oh eherne Erde oh prima Klima

lass uns leben / lass es beben / es kann alles passier'n

läuft eigentlich die zweite Halbzeit schon?

fragt der anastaciageplagte Mitseher neben mir

da schlägt einer der Mietspieler

durch jetzt weißen Rauch

den maltesergekreuzigten Ball kurz und quer

wo er schwarzgelb versandet

„der Fünfmeterpass ist nicht seine Kernkompetenz“

flapsiert der Alleinunterhalter sofort

Hund und Hector aber auch

berätseln wir noch seine Sprachfertigkeit

da elfmeterts beim Finnoslovaken

und vergebens wirft der sich dem Schuss des Gabuners

– „das ist ja der WAHNsinn! In SO einer DRUCKsituation!“ –

entgegen dem Erfolg

des Lässigen.

 

Das lässt vergessen

den Pechvogel den Unglücksraben den Seuchenkönig Reus

grasnarbenübersät Knie Wade und Schenkel

das Kreuz am Band zum Teil gerissen

dieser Sieg über die bitt're

Diagnose aus dem Knappschaftskrankenhaus in Brackel

es kann alles passieren

während die Goldgelben zieh'n

die Goldtreppchen hinan

die Goldmedaille übern Kopf

den Pott durch die Straßen und die Klubs

ihrer Wahlstadt auf Zeit

denn auch der Fußballgott war den Schwarzweißen nicht gnädig

die letzten Sekunden geschwunden

in der Berliner Mauer

dem David kein Ruhm

und so bleibt dem Einträchtgen

nur der Abgesang: „Der letzte

Freistoß war Scheiße, Herr Blum!“

 

Voll im Bild der Graveur

2017 einstichelnd in den potthässlichen Kelch der Begierde –

„die Jahreszahl hätte man vorher schon anbringen können“

bekrittelt die praktische Hausfrau

„eigentlich könnten jetzt alle friedlich nach Hause gehn“

entlarvt sich der neutrale Beobachter

„aber jetzt wird doch noch mit den Fans gefeiert!“

feixt der abstiegsgeplagte Zweitligist

„wie geht denn das feiern mit den Fans?“

knickert der Neutralreiniger zurück

„die saufen sich jetzt die Hucke voll“

flötet der Schnapsflaschenreinbringer begeistert

„tja, das Leben muss wirklich schwer zu ertragen sein...“

misanthropiert der Verlierer final in

die Runde der letzten Aufrechten;

und bevor ihnen die Kredithaie

die Autoverkäufer die Falschmünzer

die Versicherungsvertreter die Bierbrauer

schon wieder auf den Pelz rücken

kippen sie’s weg das Hurengebräu

schalten sie ab und gehen zurück

in die angeschlossenen

Wohnhäuser.


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