Aus dem aktuellen Heft 93


Ferenc Puskás und das verpasste Endspiel von 1959


Von Albrecht Sonntag

 

Klar erinnert sich Raymond Kopa, bei Kaffee und Kuchen an einem November-Nachmittag
2012 an sein drittes Europacup-Finale mit Real Madrid: „Mein letztes großes Spiel mit Real, ausgerechnet gegen meine alten Freunde aus Reims. Wir gewannen 2:0, das war in
Stuttgart, nicht wahr?“ Um dann bedauernd hinzuzufügen: „Leider durfte ja mein Freund
Ferenc Puskás nicht teilnehmen, weil ihm die deutsche Regierung verboten hatte, in
Deutschland zu spielen.“

Der Besucher stutzt. Die deutsche Regierung? Er hakt nach: das könne er sich gar nicht vorstellen. Wie sei ein solches bizarres Spielverbot denn begründet gewesen? Kopa ist sich nicht mehr sicher: „Das kann ich jetzt auch nicht sagen – ist ja schon über fünfzig Jahre her.“ Sei’s drum. Der Besucher notiert sich das einfach mal und nimmt sich vor, dieser kuriosen Geschichte anderweitig nachzugehen.

Ein rascher Blick zuhause am Computer auf die Aufstellungen des Stuttgarter Endspiels: in der Tat, Puskás stand nicht in der Startelf. Und siehe da, die Puskás gewidmete Wikipedia-Seite in Französisch gibt Herrn Kopas Erinnerungen recht: „Sein erstes Jahr bei Real ist schwierig, die Sprachbarriere hindert ihn daran, sich rasch an das Leben in Spanien zu gewöhnen. Er ist auch nicht anwesend im Finale des Landesmeister-Cups 1959 gegen Stade de Reims in Stuttgart. Die deutsche Regierung weigert sich, ihm ein Visum auszustellen, weil sie dem Ex-Major immer noch nicht seine Anspielungen auf das Doping verziehen haben, mit denen er den deutschen Sieg in Bern erklärte.“

Kann das wirklich sein? Quellen für diese Behauptung sind jedenfalls keine genannt, und
auf der deutschsprachigen Seite wird das 59er Finale gar nicht erwähnt. Klar, die Doping-Geschichte ist in den vergangenen Jahren ausreichend behandelt worden, inklusive der wissenschaftlichen Studie aus dem Jahr 2010, die auf eine Verwendung des Mittels Pervitin schloss, aber dass sich damals die Bundesregierung eingeschaltet haben soll, mutet seltsam an.

Die Formulierung der Wikipedia-Seite findet sich auf einer ganzen Reihe anderer französischsprachiger Internet-Seiten wieder, entweder wörtlich abgekupfert oder in leicht veränderter Form, von harmlosen Blogs bis zu ernstzunehmenden Medien wie atlantico oder So Foot. Scheint doch tatsächlich was dran zu sein.

Um Gewissheit zu bekommen, drängt sich ein Anruf bei Didier Braun auf, dem enzyklopädischen Fußball-Gedächtnis bei L‘Equipe, Wenn’s einer weiß, dann er. Didier hat in der Tat schon davon gehört. „Ja, da war dieser lange Vorabdruck seiner Memoiren in France Football, mit dem deutlichen Verweis auf das Doping der deutschen Spieler. Er sprach von den auf dem Kabinenboden herumliegenden Spritzen. Das muss so um 1957
gewesen sein. Können wir mal im Archiv suchen.“ Ich werfe ein: „Also wirklich, ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass die deutsche Diplomatie, grade mal ein paar Jahre nach der Gründung der Bundesrepublik, so auftrumpft. Einem ausländischen Fußballspieler ein Einreise-Visum wegen Verleumdung zu verweigern, das ist doch ein bisschen disproportioniert, findest Du nicht?“ Didier stimmt mir zu. „Vielleicht spielt mir mein
Gedächtnis ja einen Streich. Aber diese Sache mit der deutschen Regierung habe ich schon im Hinterkopf. Da war was.“

Beim nächsten Termin in Paris wird ein Abstecher ins Archiv von L’Equipe eingeplant.
Und siehe da, die Artikel-Serie mit dem Titel „Die Notizbücher des galoppierenden Majors“
(in Anspielung auf seinen in Frankreich gebräuchlichen Spitznamen „le Major galopant“)
ist rasch aufzutreiben. Veröffentlicht wurden sie im Wochenabstand zwischen dem Mitte
Dezember 1956 und Mitte Februar 1957, in einem chronologischen Narrativ in der ersten
Person. In der fünften Folge, vom 8. Januar, berichtet Puskás, wie er nach dem Berner Finale die deutsche Kabine aufsuchte, um Fritz Walter persönlich zu gratulieren, und dort ein trauriges Spektakel vorfand: leblos herumliegende, sich übergebende Spieler, und ein ekliger Gestank nach Pharmaka.

In der Ausgabe des 22. Januar kommt France Football auf die Reaktionen aus Deutschland zurück, die von dem Artikel ausgelöst wurden. Zitiert wird das Frankfurter Abendblatt, demzufolge Puskás „das Blaue vom Himmel heruntergelogen“ habe und sich einer „unverständlichen Verleumdung“ zuschulden habe kommen lassen. Fritz Walter zufolge handelt es sich um „eine reine Lüge“, da Puskás überhaupt nicht in der Kabine vorbeigeschaut habe.

Schließlich kommt auch noch Puskás selber zu Wort, den ein brasilianischer Reporter
bei einem Galaspiel von Honved Budapest gegen Flamengo im Maracana auftreibt, und
der mit folgenden Worten zitiert wird: „Das habe ich nie gesagt. Ich bin nach dem
Endspiel von Bern gar nicht in die deutsche Kabine gegangen. Ich habe nichts gesehen.
Und es ist mir auch nichts von einem französischen Magazin bekannt, das meine Memoiren publizieren soll!“

Dieses Statement nimmt France Football kopfschüttelnd, aber gelassen zur Kenntnis, habe Puskas doch bei seinem Besuch in Frankreich persönlich und vor drei Zeugen dem Redakteur Robert Vergne seine Erinnerungen in die Schreibmaschine diktiert und den finalen Text gegengezeichnet.

Und in den folgenden Heften? Nichts. Als sei es ein Sturm im Wasserglas gewesen. Didier
meint, ich solle mal in deutschen Archiven suchen. Gute Idee. Schau’n wir doch beim nächsten Besuch in Stuttgart mal nach, schließlich war dort ja das Europacupfinale, an dem Puskás angeblich nicht teilnehmen durfte.

Gesagt, getan. Natürlich gibt es jede Menge Artikel zu dem Großereignis vom 3. Juni 1959: Stuttgart als „Fußball-Hauptstadt für einen Tag“. Im Detail wird heruntergebetet, wer sich alles die Ehre gibt: „dreizehn Fernsehsender und rund zwanzig Rundfunkstationen“ zum Beispiel, aber auch „Tausende von Soldaten der in Baden-Württemberg stationierten französischen Streitkräfte“, die einen Tag Urlaub bekommen hatten, um Stade Reims zu unterstützen. Dazu eine französische Regierungsdelegation,
der NATO-Generalsekretär Spaak, Prinz Rainier aus Monaco, und sogar der Pariser
Polizeipräsident Papon. Letzterer hatte offensichtlich gute Erinnerungen an Deutschland,
wenn er sie auch sehr diskret behandelte: knapp vier Jahrzehnte später wurde ihm doch noch der Prozess gemacht wegen aktiver Beteiligung an der Verfolgung und Auslieferung
seiner jüdischen Mitbürger im Dienst der deutschen Besatzer.

Und Puskás? War dabei! Am Spieltag berichtet die Stuttgarter Zeitung, dass seine „Oberschenkelzerrung nicht völlig ausgeheilt“ sei und „jedes Risiko“ vermieden werden müsse, da „im Pokalfinale Spieleraustausch nicht möglich“ sei. Offensichtlich wurde ihm die Einreise also doch nicht verweigert! Es gibt sogar ein Foto von ihm, zusammen mit Kopa und di Stefano, „in hocheleganten Maßanzügen“, und daneben wird von den „unvorstellbaren Prämien“ gemunkelt, die bei Real bezahlt werden sollen: „Man spricht von 10 000 Mark.“ 

Und dann, in einem sekundären Artikel vom 2. Juni steht doch noch ein Satz, der aufhorchen lässt: „Deutsche Vereine dürfen bekanntlich gegen Puskás nicht spielen.“ Mit der folgenden Detailerklärung: „Es handelt sich um ein internationales Spiel, genau wie bei der Weltmeisterschaft, unter der Kontrolle eines internationalen Verbandes, der UEFA. Deshalb kann Puskás in Stuttgart dabei sein, ohne dass der DFB eingreifen kann.“

Der DFB hat also eine Art Sperre ausgesprochen, nicht die Bundesregierung. Ein Verbot
für deutsche Vereine, gegen ein Team anzutreten,  in dem Puskás spielt. Ganz schön heftig! Und ganz schön amüsant, wie so was dann Jahre später im Internet zu einer diplomatischen Sanktion der Bundesregierung mutiert!

Aber wieso konnte Puskás dann nur ein Jahr später im Europacupfinale von Glasgow gegen Eintracht Frankfurt antreten und drei Tore schießen? Das Endspiel war am 18. Mai 1960 – hängen wir doch noch eine halbe Stunde im Archiv dran und suchen heraus, ob etwas zu diesem Thema geschrieben wurde.

Findet sich dann auch ganz schnell, in einem Artikel im wunderbar redundanten Stil eines
Polizeiberichts, am 9. Mai 1960: „Der Vorstand des Deutschen Fußball-Bundes hat die im Oktober 1957 gegen den ungarischen Spieler Ferenc Puskás ergriffenen Maßnahmen aufgehoben, nach denen es deutschen Mannschaften nicht gestattet war, gegen Mannschaften zu spielen, in denen Puskás als Spieler oder als Trainer mitwirkte.

Dieses Verbot war ausgesprochen worden, weil Puskás verleumderische Behauptungen
über die Weltmeisterelf des Jahres 1954 verbreitet hatte. Da Puskás nunmehr seine damaligen Behauptungen in aller Form mit dem Ausdruck des Bedauerns zurücknahm, sah sich der DFB-Vorstand in die Lage versetzt, das gegen Puskás verhängte Spielverbot zu beenden.

Puskás hatte zunächst erklärt, die deutsche Weltmeisterelf von 1954 nicht verleumdet zu
haben. Eine führende ausländische Sportzeitschrift habe seine Äußerungen vielmehr
unrichtig wiedergegeben. Mit dieser Begründung hatte er den DFB auch mehrfach um die
Aufhebung der gegen ihn ausgesprochenen Sperre gebeten. Einen solchen Schritt machte der DFB jedoch davon abhängig, dass Puskás entweder durch eine gerichtliche Klage gegen die betreffende Zeitschrift den Beweis erbringe, dass er die in dem fraglichen Interview wiedergegebenen Aussagen wirklich nicht gemacht habe, oder aber dass er seine Behauptungen ausdrücklich zurücknehme. Puskás ist mit einem Schreiben vom 23. April 1960 an den Vorstand des DFB der Aufforderung zum Widerruf nachgekommen.“

Lehnt man sich da zu weit aus dem Fenster, wenn man vermutet, dass es hier nur noch
um Gesichtswahrung auf beiden Seiten ging? Man stelle sich vor, die Eintracht wäre gezwungen, das Europacupfinale abzusagen, weil auf der Gegenseite ein ehemaliger ungarischer Nationalspieler aufgestellt wird! Kaum denkbar, dass sich der DFB das getraut hätte. Wahrscheinlich hätte es Puskás sogar drauf ankommen lassen können, aber daran war wohl Real Madrid und der UEFA nicht gelegen.

Fazit? Eine kuriose Geschichte von einem Fußballer, der seine Biographie rasch zu Geld
machen will, von einem WM-Erfolg, dessen hoher symbolischer Wert keine wie auch immer gearteten Verleumdungen duldete, und von einer Nachricht, die sich im Laufe der
Jahrzehnte verformt und in einem der beteiligten Länder zu einer Art neuem Faktum wird,
bis in die Erinnerungen eines alten Mannschaftskameraden hinein. Und ein bescheidenes
Lehrstück über den Nutzen gut geordneter Archive.

 


webmastered by DER TÖDLICHE PASS
dertoedlichepass@gmx.net