Aus dem aktuellen Heft 97


 

Salomon Kalou: Arglos (und) schuldverstrickt

 

Von Andrea Bedi

 

Salomon Kalou, Nationalspieler meines Heimatlandes Côte d’Ivoire, hat in der Kabine seines Vereins Hertha BSC Berlin ein Handy-Video gedreht und online gestellt. Der Clip dokumentiert viele Missachtungen der „Corona Regeln“, auch Kalou selbst missachtet sie. Deshalb war das sofort ein Skandal. Kalou wurde vorgeworfen, die Pandemie und die Abstandsregeln nicht ernst genommen zu haben.

Unbekannt ist die jetzige weltweite Situation rund um das neuartige Corona-Virus zweifellos niemandem mehr. Dennoch gibt es eine Unmenge Menschen, darunter auch Regierungschefs und Meinungsträger, die diese Gegebenheit nicht sehr ernst nehmen. Zu ihnen gehört offenbar auch Salomon Kalou.

Wie es im Sprichwort heißt: „Alter schützt vor Torheit nicht“. Trotz oder wegen der geistigen Reife, die man einem vierunddreißigjährigen Mann eigentlich unterstellen darf, und seiner Berühmtheit verdient Kalou bestimmt eine Zurechtweisung. Doch sollte man in Deutschland den Fall nicht zu sehr dramatisieren. Gleich nach der Veröffentlichung des Videos hat der Spieler sich entschuldigt.

Vor und erst recht während der Pandemie war (und ist) Salomon Kalou ein engagierter Zivilgesellschaftler, der seinen Status und seine materiellen Möglichkeiten nutzt, um andere zu unterstützen. Er stellt einiges auf die Beine, um die Auswirkungen von Corona abzufedern, die auch sein Land, die Côte d‘Ivoire bedrohen. Vor der Pandemie engagierte Kalou sich für Waisenkinder – er förderte und fördert nach wie vor unter anderem ein Waisenhaus für junge Mädchen – und ließ Kranken finanzielle Unterstützung zukommen. Gemeinsam mit seinem Bruder, dem ehemaligen Fußballspieler Bonaventure Kalou gründete er die Fondation Kalou (http://fondationkalou.com) und trat als Botschafter für den Kampf gegen Nierenkrankheiten in Erscheinung. In der Cote d‘Ivoire sterben jeden Tag viele Menschen an dieser Krankheit, weil es nicht genügend Dialysegeräte gibt und die Erkrankten sich eine Behandlung oft nicht leisten können. Das Logo der Stiftung zeigt zwei stilisierte Nieren, und für das neueste Vorhaben, die Errichtung eines Zentrums für Niereninsuffizienzerkrankte, kann man spenden: „Construisons un Centre d‘Hémodialyse – faites un don!“. In Bouaké gibt es bereits eine solche Einrichtung.

Auch nach Ausbruch der Corona-Pandemie war Kalou nicht untätig. Finanziell engagierte er sich, und auch persönlich: In Videospots – es klingt wahrlich ein wenig ironisch – nutzte er seinen Bekanntheitsgrad und seine crédibilité im Land, um vor der Verbreitung des Virus zu warnen.

Ich kann nicht in seinen Kopf schauen, frage mich aber schon, was in Salomon Kalou vorgegangen sein mag, als er den Knopf an seinem Smartphone drückte und das aufzeichnete, was ihm noch am selben Abend auf die Füße zu fallen begann. Wie er selbst schon erklärte, war es nicht sein Wille. Trotzdem, warum hat er das gemacht?

Hat er für ein paar Minuten die Erdung verloren, weil er – auch das klingt komisch – einfach nur joyeux und zufrieden war? Die Freude, die Teammitglieder nach zwei Monaten Zwangspause wiederzusehen und auch zu wissen, dass die Freunde gesund wieder da sind, hat ihn vielleicht mitgerissen.

Oder war es ihm „sowieso egal“, weil er, der zu der goldenen Generation bei Chelsea FC gehörte, in Berlin vor einem auslaufenden Vertrag steht und damit, so steht zu vermuten, vor dem Ende seiner Fußballkarriere, zumindest als Spieler? Nur warum dann seinen Weltruf schmutzig zu machen? Aus meiner Sicht klingt das einfach unsinnig.

Was ich meinem Landsmann abnehme, ist etwas anderes, das mit Authentizität zu tun hat. Oder umgekehrt formuliert: Man sollte aus deutscher Warte die kulturellen Hintergründe Kalous nicht unberücksichtigt lassen oder gar banalisieren. Afrika steht an erster Stelle unter den herzlichen Orten der Welt. In Afrika sind alle Geschwister, unabhängig von der Herkunft, dem sozialen Prestige oder der materiellen (Nicht-)Ausstattung. Der Wärme des Klimas entspricht die Herzlichkeit der Menschen. Nach einer langen Trennungszeit, vor allem wenn es eine unfreiwillige war, begrüßt man sich mit Umarmungen, Handschlägen. Als Afrikaner – dies halte ich ihm zugute – konnte Salomon Kalou diese große Freude nicht zurückhalten.

Natürlich hat er einen großen Fehler begangen. Das ist nicht zu bestreiten und er wird deswegen auch von mir kritisiert. Es wäre aber unverhältnismäßig, ihn zum alleinigen Delinquenten und großen Unvernünftigen in Zeiten der Pandemie zu machen. Gegen Verschwörungstheoretiker und ihre Anhänger braucht es auch Sensibilisierungs- und Erklärungskampagnen.

Vielleicht dreht Salomon Kalou auch dazu mal einen Clip.

 

Andrea Bedi, Germanistin aus der Côte d‘Ivoire, kam im Oktober 2019 mit einem Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) an die Bergische Universität Wuppertal, um ihre M. A. Thesis über Elfriede Jelineks „Klavierspielerin“ zu verfassen. Ihr Betreuer in Deutschland ist unser Mann an den Spielfeldrändern von Köln und Darmstadt, Bruno Laberthier. Im März 2020 wurde Andrea Bedi von der Pandemie eingeholt. Unfreiwillig musste sie ihren Aufenthalt verlängern, weil es keine Flüge mehr nach Abidjan gab – und es bis heute nicht gibt. Sie nutzt die Zeit und Gelegenheit, um den Casus Kalou von Landsfrau zu Landsmann zu betrachten.


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