DIE WAHRHEIT ÜBER DEN VERMEINTLICHEN VIDEOBEWEIS:

Herr Ober, noch die Tagessuppe und ‘n Herrengedeck!

 

Von Stefan Erhardt

 

Der Videobeweis ist in aller Munde. Normalerweise hätte ich eine solche schiefschlechtöde Einleitungsphrase nicht verwendet; hier bekommt sie ihren hintergründigen Sinn, sofern man weiterliest.

Beim Confed-Cup in Russland hat man sie zum ersten Mal gesehen – jene Geste, die ein Rechteck in die Luft malt, einen Monitor meint und den Videobeweis damit einfordert. Inzwischen gehört sie in der ersten Liga zum Gesten-Repertoire jedes Profis, hat sich noch vor dem Karte-ziehen-und-vor-die-Nase-Halten an erster Stelle der wortlosen Protesthandlungen etabliert (wortlos deshalb, denn würde man „Schiri, rote Karte!“ SAGEN, wäre das ja eine grobe Unsportlichkeit und würde eine mindestens gelbe Karte nach sich ziehen).

Was aber steckt wirklich hinter der mit beiden Händen und ausgestreckten Zeigefingern bei angelegtem oder abgespreiztem Daumen ausgeführten Luftnummer, hier von PASS-Redakteur Johannes John nachgestellt:

 

 

Nun, während eines Aufenthalts in Berlin hatte ich mich mit meinen beiden Söhnen nach Besuch des Sowjetischen Ehrenmals im Treptower Park unweit davon in einer kleinen Gaststätte mit Gartenbetrieb an der Spree niedergelassen. Es war bereits Nachmittag, der Hunger groß, der Durst ebenso, und kaum waren die ersten Portionen Currywurst mit Pommes verzehrt, kam der Wunsch nach zweiten Portionen auf. Um die Aufmerksamkeit des geschäftig zwischen drinnen und draußen hin- und herwuselnden Kellners zu erregen, hielt ich, wie ich dachte, dass man es, wie in München, so auch in Berlin verstünde, die Hand in die Luft. Was er dann auch, den Kopf kurz zu uns drehend, bemerkte und – weiterging. Es dauerte nicht lange, da kam er mit der Rechnung in der Hand an unseren Tisch.

„Wir hätten eigentlich gern noch etwas bestellt…“, sprach ich scheu und freundlich zu ihm auf, als er den Bon auf den Tisch legte. „Ach so, warum aba zeijense mir denn, dass se de Rechnung wolln?“ Auf die Frage wusste ich keine Antwort, und das schien er auch von meiner gerunzelten Stirn ablesen zu können. Setzte also zur Erklärung an: „Wennse de Hand zeijen, dann heeßt dett, de Rechnung bitte. Wennse de Karte ham wolln, dann machnse so – “ und vollführte mit ausgestrecktem Zeigefinger und angelegtem Daumen eine Geste, die ein Rechteck in der Luft beschrieb.

Wie es sich gehört bei gründlichen Recherchen, haben wir dies umgehend in einem italienischen Lokal verifiziert:

actio –

- und reactio:

 

All das Gemeckere über den Videobeweis können Sie also, werte Fußballkenner des PASSes, künftig lächelnd übergehen. Wissen Sie doch nun, dass die Spieler und mitunter auch der Trainerstab nichts anderes als die Speisekarte sehen wollen, die dem Schiedsrichter als Kellner-Pendant dann auch prompt am Spielfeldrand gezeigt wird.

 

Nun wissen Sie auch, warum manchmal dabei zwei, drei, vier oder fünf Minuten vergehen, bis der Schiedsrichter zurückkommt: er muss ja schließlich erst die Karte studieren und sich dann für ein Gericht entscheiden. Sobald er dem entsprechenden Spieler mitgeteilt hat, was der nach dem Spiel kulinarisch zu gewärtigen hat, wird das Match fortgesetzt – solange, bis den nächsten ein arges Hungerödem jene Geste vollführen lässt. 


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