Aus dem aktuellen Heft 87


Die Zähmung der Freiheit: 

Fußball und Neoliberalismus

 

Von Akos Doma

 

Kommerzialisierung des Fußballs und Ausverkauf der Fußballkultur einerseits, wachsender Widerstand der Fußballanhänger andererseits – im Fußball findet ein Kulturkampf zwischen dem kapitalistischen Liberalismus der Eliten und den traditionellen Werten des Fußballvolkes statt.

 

Fußball ist „Opium fürs Volk“, im besten Sinn des Wortes. Seit über einem Jahrhundert begeistert und beglückt das seltsame Phänomen Fußball die Massen weltweit. In der zunehmend entfremdeten Welt von heute scheint er die letzte verbleibende Sprache zu sein, die universell verstanden und geliebt wird. Eine solche Beliebtheit birgt stets die Gefahr politischer und wirtschaftlicher Vereinnahmung in sich. Seit einigen Jahren dringt der Neoliberalismus immer aggressiver in den Fußball ein und droht dessen traditionelle Kultur auszuhebeln.

Zwischen Fußball, Sport im allgemeinen, und der Art, wie der anglo-amerikanische Liberalismus die Welt sieht, gibt es große Gemeinsamkeiten. Das Gedankengut des ihm zugrunde liegenden Sozialdarwinismus – Kampf ums Dasein, Überleben der Stärksten – findet im Fußball eine spielerische Entsprechung: Konkurrenzkampf, ständige Leistungsbereitschaft, bedingungsloser Wille zum Sieg (der vielzitierte „Hunger“, das „Geil-Sein“ auf den Sieg), die üppige Belohnung des Siegers und die latente Verachtung für den Verlierer (ersichtlich an der abfälligen Weise, wie sich Verlierer eines Endspiels ihre Silbermedaillen vom Hals reißen – der zweite Platz ist eben nur der erste der Verlierer). Durch das Beispiel des unermüdlich kämpfenden, wetteifernden Sportlers soll das Volk zu mehr Leistung, Arbeit, Konkurrenzkampf im Alltag angespornt werden. Nicht zuletzt wegen dieser gesellschaftlichen Vorbildfunktion ist die Wirtschaft bereit, riesige Summen in den Sport, allem voran in den Fußball zu investieren.

Die damit verbundene Kommerzialisierung des Spiels hat in den letzten Jahrzehnten nie geahnte Ausmaße angenommen. Durch den Verkauf von Rechten und Namen, durch Merchandising, ständig wachsende Fernsehgelder und die Eroberung neuer Märkte erliegt der Fußball immer mehr den Gesetzen des Kapitalismus. Sämtliche Bereiche des Spiels und seines Umfelds werden zum Zwecke der Profitmaximierung ausgeschlachtet, die Vereine selbst verkommen zu Kaufobjekten für schwerreiche Investoren und Spekulanten aus den fußballfernsten Teilen der Welt, denen er zur Imagepflege oder als beliebiges Investitionsobjekt dient. Kunstschätze, Damenunterwäsche oder genmanipulierte Saat könnten es genauso gut sein.

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Das ist die ökonomische Oberfläche, mit dem Wesen des Volkssports Fußball hat sie wenig zu tun. Hinter der schillernden Kommerzfassade schlägt ein anderes Herz, gilt ein anderes Denken, herrscht ein anderes Wertesystem. Das der Fans. Den Kern des Fußballs, ohne den das Spiel tatsächlich nur Unterhaltung, eine Show, eine Ware wie jede andere wäre, bildet der Fan. Das Fußballvolk. Eine über religiöse, soziale, weltanschauliche und sonstige Unterschiede hinweg geeinte Gemeinschaft mit einem gemeinsamen Glauben – an einen Verein oder eine Nationalmannschaft.

Der Wertekanon dieser Gemeinschaft steht dem des kapitalistischen Liberalismus, dem schon die Begriffe „Wert“ und „Gemeinschaft“ wesensfremd sind, diametral entgegen. Zu den Werten der Fans, die den Fußball seit rund einhundert Jahren übernational prägen, gehören Vorstellungen wie Tradition, Treue, Ehre, gemeinsame Identität, Zu- und Zusammengehörigkeit, (Fan-)Kultur, eine gewisse Romantik. Alledem wohnt eine starke soziale Komponente inne. Der Liberalismus dagegen ist radikal individualistisch und wertfrei, genauer: seine Werte sind pragmatisch, ökonomisch, egoistisch – sprichwörtlich a-sozial. Der Fan ist emotional und leidenschaftlich, sieht sich als Teil eines größeren Ganzen, der Liberale emotional unbeteiligt und berechnend, nur auf sich bedacht, für ihn ist das Ganze ein feindseliges Medium, in dem er sich als Einzelkämpfer durchsetzen muß.

Die Frage, ob der Fußball seinem Wesen nach links oder konservativ ist, ist müßig: er ist beides zugleich. Als Sport der Arbeiter, der Armen und Unterprivilegierten, oft sprichwörtlich „Hungernden“, ist er seiner Herkunft und Tradition nach links, seinen Werten nach ist er jedoch genauso konservativ („bewahrend“) wie es eben jene Arbeiter und „einfachen“ Menschen seit jeher waren – ehr-lich, emotional, bodenständig, nicht in Kategorien von Fortschritt, Mobilität und Wandel denkend. Nur eines war der Geist des Fußballs nie: liberalistisch-kapitalistisch – worin auch ein Grund für die chronische Erfolgslosigkeit des US-amerikanischen Fußballs liegt.

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Vor diesem kulturellen Hintergrund ist der massive Widerstand der Fans gegen den Zugriff des Kapitalismus und des kapitalistischen Geistes auf den Fußball zu sehen.

Der erste Frontalangriff auf den Fußball war das sogenannte Bosman-Urteil von 1995, bei dem der Europäische Gerichtshof der Klage des Spielers Jean-Marc Bosman nach einem ablösefreien Wechsel zu einem anderen Verein stattgab. Das Urteil bedeutete eine erhebliche Schwächung der Vereine, vor allem kleinerer Vereine, für die solche Ablösen eine gewisse Entschädigung für den Verlust der oft von ihnen selbst entdeckten und ausgebildeten Spieler darstellte; dagegen stärkte das Urteil die ohnehin schon starke Stellung des Spielers (also des Individuums zu Ungunsten der Gemeinschaft), führte zu ausufernden Spielergehältern, erschuf den Typus des maßlos überbezahlten, übermächtigen, patenhaften Spielervermittlers, vergrößerte die Kluft zwischen armen und reichen Vereinen und setzte der Zeit, da traditionsreiche Vereine kleinerer Nationen wie Steaua Bukarest, Roter Stern Belgrad oder Ajax Amsterdam den Landesmeisterpokal gewinnen konnten, ein Ende. Eine reelle Chance, in der Champions League erfolgreich um den Titel mitzuspielen, ist heute das Privileg einiger weniger reicher Vereine einiger weniger Nationen. Zumal auch die Regeln zur Teilnahme an der Champions-League immer wieder zugunsten der finanzstarken Fußballligen verändert wurden und werden, so daß nicht mehr primär die sportliche Leistung, sondern die Finanzkraft darüber bestimmt, wer dabei sein darf und wer nicht. Der sich auf die Freiheit der Märkte berufende Kapitalismus hebelt in letzter Konsequenz eben diese Freiheit aus und erschafft anstelle ihrer Monopole für reiche Eliten. Statt der vielbeschworenen Inklusion geht es Richtung Exklusion. Der Typus des europäischen Volksvereins wird verdrängt vom Typus des anglo-amerikanischen Eliteklubs.

Die Europäische Union, einst aus dem Gedanken der Völkerverständigung geboren, doch längst zu einem neoliberalen Projekt mutiert, begrüßte das Bosman-Urteil. Was bei der Buchpreisbindung gelang, nämlich der Schutz des Kulturgutes Buch, hatte beim Kulturgut Fußball keine Chance. Es blieb nicht das einzige „fußballerische“ Versagen der EU. Als sich die Präsidenten von UEFA und ECA Michel Platini und Karl-Heinz Rummenigge angesichts der explodierenden Gehälter und Ablösesummen im Fußball bereits 2012 mit der Forderung nach Einführung einer Gehaltsobergrenze an die EU-Kommission wandten, stießen sie auf taube Ohren. Die finanziellen Auswüchse im Profifußball, die ihren Höhepunkt beim Kauf Neymars für 222 Millionen Euro durch Paris Saint-Germain erreichten, sind also kein Zufall, sondern das Ergebnis der radikalkapitalistischen Politik der Europäischen Union, die das goldene Kalb „schrankenlose Marktwirtschaft“ über die Interessen der Menschen stellt.

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Mit dem Erwerb des Londoner Traditionsvereins FC Chelsea durch den neureichen, russischen Oligarchen Roman Abramowitsch 2003 begann ein neues Kapitel der Vereinnahmung des Fußballs durch das Kapital. Seitdem kaufen sich Investoren aus aller Welt, oft gerade aus traditionell fußballfernen Ländern wie den USA, den arabischen Golfstaaten, Thailand oder China in den Fußball ein. daß der Ausverkauf des Fußballs seinen Anfang in der englischen Premier League nahm, überrascht nicht. Großbritannien war nicht nur die Wiege des historischen Kapitalismus, sondern auch des modernen Neoliberalismus, der in den achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts begann und die Londoner City zum wichtigsten Hochfinanzzentrum der Welt, zum Vatikan des deregulierten Kapitalismus machte. Hinzu kommt, daß der Hauptsponsor und Namensgeber der englischen Premier League pikanterweise eben jene Barclays Bank ist, die nach einer Untersuchung des Instituts für Systemgestaltung der ETH Zürich (http://www.zeit.de/wissen/2012-05/s37-infografik-wirtschaft.pdf) das am besten vernetzte, mächtigste Finanzkonzern der Welt ist.

Als der US-amerikanische Milliardär Malcolm Glazer 2005 den englischen Traditionsverein Manchester United erwerben wollte, schlug ihm der geballte Widerstand der Fangemeinde entgegen. Den Investor ließen die Beschimpfungen und Haßtiraden der Anhänger („Hate Glazer, Love United“, "Glazer, See You in Hell") kalt, sie spielten in seinen Überlegungen keine Rolle. Als erstes überschrieb er die Schulden, die er für den Erwerb des Vereins hatte aufnehmen müssen, auf eben diesen Verein. Manchester United, zuvor schuldenfrei, muß seitdem jährlich 80 Millionen Pfund zur Tilgung „seiner“ Schulden abzahlen. Die schlimmsten Befürchtungen der Fans hatten sich bewahrheitet: Ihr Verein, für die meisten von ihnen auch emotionale und soziale Heimat, war zum Spielball und zur Milchkuh eines mit ihrem Verein oder auch nur dem Fußball in keiner Weise verbundenen Spekulanten geworden. Aus der Freiheit war Unfreiheit, aus der Unabhängigkeit Abhängigkeit geworden, zurück blieb ein Gefühl von Ohnmacht und Verbitterung.

Der österreichische Unternehmer Dietrich Mateschitz gab sich mit Traditionsvereinen gar nicht erst ab, als er sich 2009 in den Fußball einkaufte, er stampfte seinen Verein RB Leipzig gleich aus dem Boden. Einen Bezug zum Standort Leipzig hatte auch er nicht, seine Entscheidung für die Stadt war kaufmännischen Erwägungen geschuldet. Dank seinen Millionenzuschüssen stieg RB Leipzig innerhalb kürzester Zeit aus den Niederungen der Oberligen an die Spitze der Bundesliga und in die Champions League auf. In der Fanszene hingegen stieß RB Leipzig von Anfang an auf Ablehnung. Dabei hätte alles so schön sein können. Die Mannschaft spielte einen spektakulären Angriffsfußball, der Verein betrieb eine kluge, zurückhaltende Einkaufspolitik, warf nicht mit den Millionen um sich, gliederte sich unauffällig in die Bundesliga ein. Wo lag, wo liegt also das Problem?

Die Ablehnung der Fans ist emotional, instinktiv, grundsätzlich. Sie richtet sich gegen den künstlichen Charakter solcher Vereine. Sind Traditionsvereine im Lauf der Jahrzehnte organisch gewachsen, so ist RB Leipzig eine Retorte. Er entstand nicht natürlich, demokratisch, von unten, sondern wurde von oben erfunden und zwar nicht als Selbstzweck, um des Sports, des Spiels, des Fußballs willen, sondern als Mittel zu einem fremden Zweck: um Geld zu verdienen, Reklame für etwas anderes zu betreiben. Ist der Fußball mit seiner Kultur, seinen Traditionen und Ritualen für den Fan etwas Existentielles, so stellt er für den kapitalistischen Investor nur eine Ware unter zahllosen anderen dar – eine Unterhaltung, eine Show. Für den Fan dagegen ist der Fußball – und mag die Show, der glitzernde Schein am Rande auch dazu gehören – viel mehr als das: ein großer Teil seines Seins.

Heute jedoch muß der Fußballanhänger ohnmächtig zusehen, wie das eigentliche Spiel immer mehr durch das kommerzielle Drumherum verdrängt wird. In den Medien dreht sich alles nur noch um Millionengehälter und Ablösesummen, Marktwerte und das unwürdige Geschacher um wechselwillige oder angeblich wechselwillige Spieler, mit einem Wort: um Geld und Geschäft. Anstelle halbwegs konstanter Mannschaften und vertrauter Identifikationsfiguren wird ihm permanent die Lektion vor Augen geführt, daß alles und jeder käuflich ist, daß alles nur eine Frage des Preises ist, daß Loyalität, Tradition und Werte nichts gelten, und wer klug ist, sich dem neuen Geist schleunigst anpaßt. Auf diese Weise wird eine egoistische, a-soziale, unethische Haltung propagiert und das denkbar schlechteste gesellschaftliche Signal ausgesandt.

Ein weiteres Indiz für die Ignoranz der Fußballmachthaber ist der Versuch, das Spiel zu eventisieren. Wenn musikalische Shows vor dem Spiel und in der Halbzeitpause ausgepfiffen werden, so deshalb weil sie überflüssig, eine Ablenkung vom Wesentlichen sind: dem Spiel. Aus Sicht der Fans sind die Zeit vor dem Spiel und die Halbzeitpause keine Lücken, keine Leerstellen, die es zu füllen gilt, sondern gehören genauso zum Spiel wie die Halbzeiten selbst – als eine Zeit des Austauschs, der Erwartung der Aufstellungen und der Choreographien, der Diskussionen, etwa um fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen, also des gemeinschaftlichen Zusammenseins. Langeweile zu überbrücken gibt es nicht – und schon gar nicht durch Showeinlagen nach amerikanischem Muster, die im Fußball eklatant deplaziert wirken. Was nicht zusammengehört, wird auch nicht zusammenwachsen.

Der vielbeschworene „Respekt“, der vom Fan eingefordert wird, wird gerade ihm selbst und seinen Wünschen verweigert – obwohl er ganz nebenbei auch zahlender Kunde ist. Die Bezeichnung „Totengräber des Fußballs“ für die kapitalistischen Investoren erscheint also vielfach berechtigt: Künstlich gemästete Klubs mit viel Geld verdrängen Traditionsvereine mit vielen Anhängern, nationale Meisterschaften bringen infolge des riesigen finanziellen Vorsprungs, den Investoren-Vereine und Champions League Teilnehmer vor den anderen Mannschaften haben, Serienmeister hervor und versinken in Langeweile, die traditionelle Fußballkultur wird zersetzt und zerstört.

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Als der Unmut der Fans gegen die stille Machtübernahme des Fußballs hochkochte, schlug das System zurück. Beim Auswärtsspiel des RB Leipzig in Dortmund am 4. Februar 2017 entlud sich die Abneigung der Dortmunder Anhänger gegen den Retortenverein in gewaltsame Übergriffe auf Leipziger Fans in der Stadt. Bei der medialen Berichterstattung über die Angriffe vermischte sich jedoch die berechtigte Empörung über die häßliche Gewalt mit einer grundsätzlichen Kritik an der ablehnenden Haltung der Fans dem RB Leipzig gegenüber, die im Stadion in vielen kritischen und auch beleidigenden Bannern zum Ausdruck gekommen war. Illegale Brutalität und berechtigte Kritik, das Recht auf freie Meinungsäußerung, fanden sich plötzlich in einem Topf wieder. Obwohl die Gewalt außerhalb des Stadions und somit der Verantwortlichkeit von Borussia Dortmund stattgefunden hatte, sperrte der DFB die Südtribüne des Stadions für das nächste Heimspiel. Unter dem Vorwand, die Gewalt zu bestrafen, wurden in Wahrheit die Fans für ihre ihre sture, antikapitalistische Haltung kollektiv abgestraft. Als wäre die Gewalt gerade zur rechten Zeit gekommen, um am renitenten Fußballvolk endlich ein Exempel statuieren zu können. Die mediale Fixierung auf die Gewalt und die Extremisten war mehr als willkommen, um vom wahren Problem, dem Abgrund, der sich zwischen dem gewöhnlichen Fußballvolk und seinen Vertretern aufgetan hat.

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Das Urteil war nichts Ungewöhnliches. Strafen für „ungebührliches“ Verhalten gehören im Fußball längst zum Alltag, die schleichende Politisierung ist unübersehbar. Spieltag für Spieltag werden Spieler, Fangruppen oder Vereine für „unerlaubte“ Gesten, Sprüche, Gesänge, Banner oder Choreographien abgestraft – in Form von Geldstrafen, Sanktionen, Entlassung, Ausschluss, bevorzugt auch als Kollektivstrafe, um den Druck auf die Vereine zu erhöhen, unliebsame Meinungen gleich von sich aus auszufiltern.

Die Krux bei alledem ist nur, daß es „unerlaubte“ Meinungen in einer Demokratie nicht gibt. Als Grundlage der Strafen dient vielmehr die sogenannte politische Korrektheit, ein anglo-amerikanischer „Verhaltenskodex“, der sich vorgeblich gegen rassische und sexuelle Diskriminierungen richtet. Dieser Verhaltenskodex ist aber nicht nur von oben aufgezwungen, selektiv und mit dem Grundrecht auf Meinungsfreiheit unvereinbar, sondern geht auch an der Kultur des Fußballs völlig vorbei. Im Stadion ist nicht jede Provokation und despektierliche Bezeichnung des Gegners als Beleidigung aufzufassen. Die Herausforderung des Gegners durch Gesänge, Schlachtrufe und Transparente – vergleichbar mit dem Auftreten bei politischen Demonstrationen – gehört seit jeher zu den Ritualen des Fußballs und ist nicht weniger unentbehrlich als der Ball selbst: das spielerische Hin und Her von Herausforderung des Gegners, Antwort auf die Herausforderung, Antwort auf die Antwort und so weiter, die akustische und visuelle Unterstützung der eigenen Mannschaft, das Bekenntnis zur eigenen Identität im Gegensatz zur Identität der anderen Gruppe, schafft erst den Rahmen für das Spiel. Schließlich geht es nicht um ein Picknick mit Geschenketausch im Mittelkreis, sondern um einen Wettkampf, einen Kampf um eine Meisterschaft oder einen Pokal, um Sieg oder Niederlage, symbolisch um Ruhm oder Schande, mit dem Spiel als Entscheidung, welche Seite „recht hat“. Wollte man die politische Korrektheit konsequent anwenden, müssten auch das Auspfeifen der gegnerischen Mannschaft als Beleidigung (oder zumindest fehlende Nettigkeit) und umgekehrt das einseitige Bejubeln der eigenen Mannschaft als Exklusion unter Strafe stehen. Dabei erzeugt erst die Stimmung auf den Rängen die Atmosphäre, ohne die ein Spiel das wäre, was Geisterspiele in leeren Stadien sind – tot.

Ein anderes Beispiel. Bei der UEFA-Kampagne „Nein zum Rassismus“ richten berühmte Spieler in Großaufnahme ihr „Nein“ an die Millionen Fernsehzuschauer. Auf den ersten Blick leuchtet die Kampagne, die sich gegen die häßliche Fratze des Rassismus richtet, sofort ein. Auf den zweiten Blick beginnen sich Fragen aufzutun. Der Rassismus – die Vorstellung, daß bestimmte Rassen anderen unterlegen seien, und das daraus abgeleitete Recht, diese zu unterdrücken und auszubeuten – war eine Erfindung des 19. Jahrhunderts und ist seit der Mitte des 20. Jahrhunderts weitgehend ausgestorben, ein Rassist in diesem ideologischen Sinn ist heute kaum jemand. Und doch sind Armut, Ausbeutung und Aussichtslosigkeit in weiten Teilen der sogenannten dritten Welt heute größer denn je. Nur ist der Rassismus nun strukturell, nach außen hin gesichtslos geworden. Er beruht nicht mehr auf obskuren Rassentheorien, sondern ist – viel banaler, wie es das Böse nun einmal ist – stillschweigende Praxis: er wirkt durch die gewaltsame Aufrechterhaltung eines neoliberalen Wirtschafts- und Finanzsystems, das weite Teile der Erde, Menschen wie Natur, knebelt und erstickt – indem es die armen Länder zur permanenten Abzahlung ihrer Schulden zwingt, ihnen Freihandelsabkommen aufzwingt, die die nationalen Schutzmechanismen für die heimische Industrie aushebeln und Abhängigkeiten schaffen, Spekulation auch mit Lebensmitteln und Wasser legalisiert, Konflikte zwischen Religionen und Ethnien schürt, über verbündete Drittländer wie Saudi Arabien Extremisten und Terroristen unterstützt und unwillige Länder unter fiktiven Vorwänden mit Krieg und Sanktionen überzieht.

Die Parole „Nein zum Rassismus“ verfehlt also nicht nur den Kern des Problems, sondern wirkt geradezu kontraproduktiv. Sie lenkt vom realen Rassismus ab, erweckt den irreführenden Eindruck, der politisch korrekte Westen meine es gut mit dem Rest der Welt. Wie es in der Wirklichkeit aussieht, zeigt Erwin Wagenhofers Dokumentarfilm Let's Make Money. In der ersten Sequenz des Films sieht man die Entstehung eines Goldbarrens, von der knochenharten Arbeit in einer ghanaischen Goldmine bis zum Einschmelzen des Goldes in der Schweiz. Die Sequenz endet mit der kommentarlosen Einblendung: Verteilung: 3% für Afrika, 97% für den Westen. An dieser Realität ändert die politisch korrekte Bezeichnung von Afrikanern nichts, hingegen beschert sie dem Westen ein Feigenblatt, um den strukturellen Rassismus seiner neoliberalen Politik zu kaschieren. Die politische Korrektheit dient ihm als eine Fassade geheuchelter Freundlichkeit, hinter der er die Welt und ihre unterprivilegierten Völker und Religionen, darunter viele islamische Länder, noch ungestörter ausbeuten und bekriegen kann. Eine ähnliche Rhetorik – bezüglich der Menschenwürde – hatte schon Friedrich Schiller vor über zweihundert Jahren mit den Worten kritisiert: „Die Würde des Menschen: Nichts mehr davon, ich bitt euch. Zu essen gebt ihm, zu wohnen. Habt ihr die Blöße bedeckt, gibt sich die Würde von selbst.“

Ähnlich verhält es sich mit der neuen UEFA-Parole „Equal Game“, die sich etwa als „Ein Spiel für alle“ übersetzen läßt. Denn die rasende Kommerzialisierung des Fußballs gerade dazu, daß er auf höchster Ebene immer mehr zu „einem Spiel für immer wenigere“ wird. Parolen, die es mit dem Kampf gegen den realen Rassismus und die reale Ungleichheit ernst meinten, müßten sich also gegen deren Ursachen richten: Nein zur globalisierten Ausbeutung. Nein zum Spekulantentum. Nein zum Krieg.

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Die Auswirkungen des neoliberalen Kapitalismus auf den Fußball sind die gleichen wie in Politik und Wirtschaft: eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, Monopolisierungen durch die Geldeliten, Entdemokratisierung der Strukturen, kulturelle Entfremdung. Die Stadien werden zum Exerzierplatz für die Disziplinierung und Umerziehung des Fußballvolkes. Systemkritische Meinungen, etwa die Kritik an der Kommerzialisierung des Fußballs oder dessen Ausverkauf an die Investoren, werden unterdrückt. Die ständige Abstrafung von Spielern, Anhängern und Vereinen im Namen der politischen Korrektheit konditioniert zu Selbstzensur und vorauseilendem Gehorsam und sendet die verhängnisvolle Botschaft aus, daß es am klügsten sei sich anzupassen, nicht aufzubegehren, die eigene Meinung für sich zu behalten – wie es totalitäre Systeme von ihren Untertanen erwarten. Kaschiert wird das durch wohlklingende Lippenbekenntnisse zu Fairplay, Vielfalt, Respekt, Antirassismus und ähnlichem.

Dabei erfüllt der alte Volkssport Fußball mit seiner gewachsenen Kultur und Tradition, seiner demokratischen Vereinsstruktur, seiner Universalität seit jeher seine Menschen zusammenführende, Gemeinschaft schaffende, Identität stärkende Funktion. Er fördert den sozialen Zusammenhalt, eint unterschiedliche Gesellschaftsklassen, dient vielen Armen und Unterprivilegierten als Sprungbrett zu einem besseren Leben und verhilft bei Erfolg gerade den Staaten der „dritten Welt“ zu neuem Selbstbewußtsein und Selbstachtung – wirkt also anti-kolonialistisch.

Das alles steht auf dem Spiel, wenn es nicht gelingt, den nach globaler Hegemonie strebenden Neoliberalismus daran zu hindern, sich des Fußballs zu bemächtigen. Die Fußballanhänger haben sich bereits auf den Weg gemacht, die Signale ihres Widerstands sind unüberhörbar, unübersehbar. Nun liegt es an den Fußballverbänden, an Medien und Politik, sich mit ihrem Anliegen zu solidarisieren und damit auch selbst neues Profil zu gewinnen – oder sich auf die Seite der neoliberalen Geldeliten zu stellen und damit auch ihre letzte Legitimation zu verspielen.

 


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