Eine traurige Geschichte

Von Claus Melchior

 

Das Cover dieses Buches zeigt Erwin Kostedde im weißen Trikot der deutschen Nationalmannschaft, Krönung einer Fußballerlaufbahn. Ihren Anfang hatte sie in Münster genommen, dort durfte ihn der Rezensent während der Saison 1966/67 als regelmäßiger Besucher des Preußenstadions erleben. Erinnerungen an einzelne Spiele und wichtige Tore sind verflogen, doch dass er zu den talentiertesten Spielern der Mannschaft zählte und als Hoffnungsträger galt, war auch einem Jungspund wie mir bewusst. Aus Münster wechselte Kostedde zum MSV Duisburg, dann nach Belgien, feierte seine größten Erfolge mit den Offenbacher Kickers und wurde schließlich als erster Spieler schwarzer Hautfarbe in die DFB-Elf berufen. Nach seinem Abgang aus Offenbach im Jahre 1975 spielte er bis 1983 noch für eine Reihe von Vereinen, oft mit durchaus ansehnlichen Torquoten, meist jedoch ohne die (zu) hochgesteckten Erwartungen voll zu erfüllen.

 

Eine respektable Fußballkarriere also, und dennoch eine traurige Geschichte, denn es ist die Geschichte eines Mannes, dem der alltägliche Rassismus große Wunden zugefügt hat, aber auch die Geschichte eines Mannes, der – wohl nicht nur deswegen – mit sich selbst selten im Reinen war und der sich oft selbst im Weg stand. Seine Hautfarbe drängte ihn in eine Außenseiterrolle, aus der er sich nie befreien konnte. Die Weigerung der Mutter, Informationen zu seinem Vater und den Umständen der Beziehung von Vater und Mutter, wenn es denn eine war, preiszugeben, hat bis heute eine Lücke hinterlassen.  Ein Diskriminierungen ausgesetzter Außenseiter mit einer addiktiven, wenig disziplinierten Persönlichkeitsstruktur und dem beständigen Wunsch auszubrechen, das sind keine guten Voraussetzungen für eine Karriere im Profifußball. Kostedde hat viel aus seinem Talent gemacht und seine Einkünfte als Profi hätten ihm ein einigermaßen sorgenfreies Auskommen ermöglicht, doch sein Leben ist geprägt von unglücklichen Entscheidungen, der mangelnden Fähigkeit, mit seinem Geld umzugehen, einem erheblichen Maß an Beratungsresistenz, bei gleichzeitigem Vertrauen in falsche Freunde. Vermutlich hätte sein Leben einen glücklicheren Verlauf genommen, wäre er in der Lage gewesen, seine Frau, die ihm Zeit ihres Lebens allen Problemen zum Trotz zur Seite stand, in stärkerem Maße in gemeinsame Entscheidungen und Finanzplanungen einzubeziehen, anstatt immer wieder zu suggerieren, alles sei in bester Ordnung. Für jenen Polizei- und Justizskandal, der ihn 1990 in die Schlagzeilen und für mehrere Monate unschuldig ins Gefängnis brachte, ist all dies jedoch nicht verantwortlich zu machen, das war purer Rassismus, ist ja einfach, im bösen schwarzen Mann den Täter zu sehen.

 

Der Journalist Alexander Heflik hat sich über Jahre hinweg regelmäßig mit Erwin Kostedde getroffen, der ihm schließlich erlaubte, seine Geschichte zu Papier zu bringen. Es ist keine Heldengeschichte geworden. Kostedde selbst sieht sich keineswegs ausschließlich in der Opferrolle und reflektiert mit einem hohen Maß an Selbstkritik über sein Leben. Vieles würde er anders machen, sagt er heute. Eine Erkenntnis, die eben leider erst in fortgeschrittenem Alter möglich ist. Der Autor wirft die Frage auf, ob eine Karriere wie die Kosteddes in heutiger Zeit, da die Ausbildung talentierter Fußballer nahezu ausschließlich in stark reglementierten Nachwuchsleistungszentren erfolgt, überhaupt noch möglich sei. Er und die von ihm befragten Experten verneinen diese Frage und haben vermutlich Recht. Erwin Kostedde hatte in jungen Jahren einige Förderer, die an ihn glaubten und vieles durchgehen ließen. Was aber, wenn er einen Trainer gefunden hätte, der ihn wirklich verstanden und den angemessenen Umgang mit ihm gefunden hätte? Vieles wäre dann vielleicht glücklicher gelaufen. Und wer sagt, dass ein talentierter aber in vielerlei Hinsicht schwieriger Jugendfußballer einen solchen Mentor nicht auch in einem Nachwuchsleistungszentrum finden könnte? Vielleicht sollte man dieses Buch den dort tätigen Verantwortlichen zur Pflichtlektüre machen.

 

Ein packendes und gleichzeitig überaus bewegendes Buch über eine scheinbar einfache, aber doch komplexe Persönlichkeit. Vor allem aber ein notwendiges Buch, das einiges über dieses Land aussagt.

 

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P.S.: Ein dicker Hund, den sich Autor und Verlag erlaubt haben, darf nicht unerwähnt bleiben: Auf Seite 68 ist zu lesen, Jimmy Hartwig habe "praktisch vor der eigenen [Offenbacher] Haustür", in Frankfurt, "seine Mannwerdung als Fußballer" erlebt, als er 1977 mit Arminia Bielefeld in die Bundesliga aufstieg. Mit Arminia Bielefeld?!?!? Es sollte zur fußballerischen Allgemeinbildung gehören, dass Jimmy Hartwig vor seinem Wechsel zum HSV beim TSV München 1860 spielte und mit diesem in der Tat 1977 in Frankfurt durch ein 2:0 im entscheidenden Qualifikationsspiel gegen Arminia Bielefeld in die Bundesliga aufstieg. Schande über das Lektorat, das diesen faux pas durchgehen ließ!

 

Alexander Heflik, Erwin Kostedde: Deutschlands erster schwarzer Nationalspieler (Bielefeld: Verlag Die Werkstatt, 2021. € 19,90)

 


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