Olaf Jansen, Woran hat's gelegen?

 

Wenn das Träumen nicht geholfen hat

Von Claus Melchior

 

Viele von uns, die wir uns ein Leben lang von Rock- und Popmusik haben begleiten lassen, haben vielleicht mal erlebt, wie eine Band oder ein/e Solokünster/in uns derart vom Hocker gerissen haben, dass eine Weltkarriere mit Millionen verkaufter Tonträger unausweichlich schien. Und dann wurden es doch nur zwei Langspielplatten und Liveauftritte in kleinen Clubs und Hallen.

Als Fußballfan geht es uns ähnlich, wenn ein junges Talent dabei ist den Sprung in die 1. Mannschaft zu schaffen und alles darauf hindeutet, dass ihm zahlreiche Länderspiele oder aber zumindest eine lange und erfolgreiche Profikarriere bevorstehen. Und dann klappt es nicht und über kurz oder lang ist der junge Hoffnungsträger von der Bildfläche verschwunden. Aber die Musiker machen vielleicht trotzdem weiter und wir können uns immer noch an ihrer Kunst erfreuen, und eigentlich sind wir ja sogar stolz darauf, wenn unser Geschmack eben nicht von der großen Masse geteilt wird. Die Kunst eines jungen Fußballers, der es nicht schafft, ist dann aber wohl nicht zur Vollendung gelangt, und es bleibt uns versagt, uns weiterhin davon beeindrucken zu lassen.

"Woran hat's gelegen", fragen wir uns dann vielleicht. Genau diese Frage hat den Sportjournalisten Olaf Jansen bewogen, an dreizehn Beispielen zu erforschen, warum es mit der großen Karriere nichts geworden ist, obwohl doch alle Anzeichen auf eine goldene Zukunft im Profifußball deuteten. Wirklich bekannte Namen sind nicht darunter: Lucas Scholl vielleicht, Mehmets Sohn gehörte immerhin mal zum Profikader des FC Bayern; Sergej Evljuskin ist zumindest Nerds wie mir als einstmals große Nachwuchshoffnung des VfL Wolfsburg bekannt; und die Älteren unter uns mögen sich vielleicht sogar an Patrick Falk erinnern, der einige Bundesligaspiele für die Frankfurter Eintracht absolviert hat. Der Rest ist wohl allenfalls denen bekannt, die sich sehr intensiv mit den Kadern der Jugendnationalmannschaften des DFB beschäftigen, und in manchen Fällen nicht einmal dann.

Die Gründe für das Scheitern sind natürlich vielfältig. Häufig macht der Körper einfach nicht mit; eine schwere Verletzung in jungen Jahren kann leicht das Ende aller Hoffnungen bedeuten. Andere besitzen nicht die mentale Stärke, mit den ersten Hürden beim Sprung in den Profifußball fertig zu werden, wenn sich plötzlich Hindernisse auftun, nachdem bisher doch alles so glatt lief. Manche fanden sich plötzlich in einer völlig veränderten Situation, beispielsweise wenn plötzlich der Trainer weg ist, der einen bisher gefördert hat, und der Nachfolger nur noch auf erfahrene Spieler setzt. Mitunter fehlt die Geduld und ein verfrühter Wechsel zu einem, wie sich herausstellt, falschen Verein führt nicht zu den gewünschten Ergebnissen. Falsche Entscheidungen in der Karriereplanung, oft veranlasst von einem Berater, der nicht die besten Interessen seines Schützlings im Auge hat, können häufig einen Karriereknick bedeuten.

Andererseits gibt es auch Beispiele von großen Talenten, die aus freien Stücken auf die große Karriere verzichten, weil ihnen bewusst geworden ist, dass ein Leben in der Blase des Profifußballs nicht das ist, was sie wirklich wollen. Und es gibt den hochbegabten Amateurkicker, der alle Wechselangebote aus höheren Ligen ablehnt, weil die Kameradschaft in vertrauter Umgebung wichtiger ist.

Wir neigen dazu, in dem Glauben oder der Hoffnung zu leben, Talent setze sich immer durch. Doch das ist eine romantische Idee, die der Wirklichkeit nicht standhält. Talent mag die Basis sein, doch die große Karriere verlangt zudem eine gewisse Klarheit im Kopf und vor allem den Willen zu harter Arbeit, nicht zuletzt dann, wenn es nicht mehr so gradlinig voran geht. Unabhängig davon sollte allen, die in Nachwuchsleistungs-zentren mit dem Traum vom Profifußball leben, bewusst sein, dass nur einer von zehn den Sprung tatsächlich schafft.

Man könnte meinen, ein Buch, das hauptsächlich vom Scheitern erzählt, müsse eine deprimierende Lektüre sein. Für dieses Buch gilt das nicht, denn den vom Autor interviewten Spielern scheint es durchaus gelungen zu sein, ihr Leben in den Griff zu bekommen (wenn sie es nicht ohnehin schon immer hatten) und etwas daraus zu machen. Was wir aus diesem Buch jedoch vor allem lernen können, ist, welch enorme Verantwortung all jenen zukommt, die es in den Vereinen mit Nachwuchskickern zu tun haben, ebenso aber auch Eltern und Beratern. Die Lektüre dieses Buchs könnte das Bewusstsein für die unbedingte Notwendigkeit schärfen, dieser Verantwortung gerecht zu werden.

 

Olaf Jansen, Woran hat's gelegen? Der verpasste Traum vom Fußballprofi in 13 Porträts (Hildesheim: Arete, 2021, € 18,00).

 

26. Mai 2021


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