BRÄNDLES BALLBERICHT


 

Aus dem Stand

 

Fabian Brändle

 

Die 1980er und frühen 1990er Jahre waren auch eine Epoche der Standfussballer, deren bevorzugtes Gelände der Anstosskreis war. Sie bewegten sich in der Regel ungern, aber verteilten umsichtig Bälle nach links und in die Tiefe, liessen ihre Kollegen rennen und spurten, versenkten Freistösse sowie Elfmeter und waren allgemein schussstark. Oftmals trugen sie die Nummer zehn auf dem Rücken. Sie waren Regisseure, lauffaule Regisseure. Ein paar Beispiele:

Der Kolumbianer Carlos Valderrama fiel nicht nur durch seinen Afro auf. Er war der Meister des Kurzpassspiels, äusserst ballsicher, konnte in einer Telefonkabine dribbeln. Er schickte Adolpho „El Tren“ Valencia (Bayern) auf die Reise oder Ippolito Rincon. Carlos Valderama war durchaus extravagant, liebte das teure Leben.

Der Deutsche Bernd Schuster wurde als blutjunger Regisseur im Jahr 1980 Europameister. Der „blonde Engel“ wechselte hernach zu Real Madrid, um nach vielen Jahren in die Bundesliga zu Bayer Leverkusen zurückzukehren. Wenige Experten trauten der Nummer zehn zu, sich im Land der Kämpfer und Athleten nochmals durchzusetzen. Doch der mitunter eigenwillige Star Bernd Schuster vermochte auch die „Werkself“ Bayer zu dirigieren, oftmals aus dem Stand heraus, wie es schien.

Etwas später als der „blonde Engel“ Bernd Schuster zog der Argentinier Juan Ramon Riquelme (geboren 1962) im Mittelfeld die Fäden. Der Mann aus Buenos Aires sammelte zuerst mit Boca nationale und internationale Pokale, ehe er nach Europa zu Real Madrid wechselte, wo er sich aber verletzungs- und krankheitsbedingt nicht durchzusetzen vermoche, ganz im Gegensatz zu Villareal, wo er zu einem der besten Ausländer im spanischen Fussball avancierte, dann aber doch zu Boca nach Buenos Aires zurückkehrte. Riquelme galt lange Zeit als legitimer Nachfolger Diego Armando Maradonas, vermochte aber die Anforderungen dann doch niemals ganz zu erfüllen. Er bewege sich einfach zu wenig, monierten seine Kritiker aus Argentiniens impulsiver Medienlandschaft. Dennoch war Riquelme lange Jahre Stammspieler der argentinischen Nationalmannschaft, holte aber keine wichtigen Titel. Auf Manndeckung reagierte er oftmals hilflos, während sich Carlos Valderrama und Bernd Schuster auch bei enger Manndeckung noch in Szene zu setzen wussten.

Es gäbe noch weitere berühmte „Standfusballer“, so etwa Andrea Pirlo, Michel Platini oder auch der Rumäne Gheorge Hagi. Die Genannten rannten aber doch deutlich mehr als Carlos Valderrama oder als Juan Ramon Riquelme, zumindst waren sie meistens in Bewegung. Mittlerweile sind sie wohl gänzlich ausgestorben, jene Minimalisten, die mit ihrem ökonomischen Stil einen maximalen Ertrag erzielen konnten.

 


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