BRÄNDLES BALLBERICHT


 

Südwind

Fussball im südalpinen Tessin

 

Fabian Brändle

 

Das wunderschöne, südalpine Tessin ist trotz relativ hoher Preise und trotz Zersiedelung ein wahres Urlaubsparadies. Die Seen, die Seitentäler (Valle Maggia, Valle Verzasca, Vale Muggio etc.) und die kleinen Städtchen sind so attraktiv wie Berge und bewaldete Hügel. Das Tessin hat aber auch eine eigenständige Fussballtradition.

Aushängeschild des Tessiner Fussballs war und ist der FC Lugano. Die „Bianconeri“ tragen ihre Heimspiele im „Cornaredo“, einem für die WM 1954 gebauten, noch weitgehend unveränderten Stadion aus, das in der Gegenwart die UEFA-Normen nicht mehr erfüllt, so dass die Luganesi in die Deutschschweiz ausweichen müssen, wenn sie europäisch spielen. Das ist dann eine halbe Weltreise. Der Club war Meister und Cupsieger (Pokalsieger).

Der berühmteste einheimische Spieler war zweifellos Lauro („Lajo“) Amado, der Mittelstürmer in den späten 1930er und 1940er Jahren, der als Meister des Fallrückziehers galt. Ein weiterer bekannter Nationalspieler des FC Lugano war der allzu früh verstorbene Giampietro Zappa, kräftiger Libero oder defensiver Mittelfeldspieler der 1980er Jahre, ein Mann mit einem schweizweit einmalig harten Schuss.

Der FC Lugano erlebte Krisenzeiten und einen demütigenden Zwangsabstieg wegen finanzieller Probleme, fusionierte in der Verzweiflung mit dem FC Malcantone Agno, rappelte sich auf und gehört heute trotz begrenzter Mittel wieder zur Spitzengruppe der schweizerischen „Super League“. Einmal schaffte es der Club gar, sich im UEFA-Cup gegen Internazionale Milano aus der nahen italienischen Metropole durchzusetzen. Das war eine echte Sensation.

Konkurrentin Luganos im „Sopraceneri“ (nördlich des Monte Ceneri gelegen) ist die AC Bellinzona, die ebenfalls in der Nationalliga A kickte, wegen Insolvenz aber absteigen musste und nun in der dritthöchsten Landesliga agiert. In meiner Jugend war die „ACB“ gefürchtet wegen ihrer Heimstärke, eine halbe Saison lag man gar vorne mit dem sagenhaften Sturmtrio Paolo Cesar (Brasilien), Kubilay „Kubi“ Turkyilmaz, Fargeon (Frankreich), eine Herrlichkeit, die freilich nur kurz andauerte, die drei Akteure verliessen Bellinzona gleichzeitig.

Etwas weniger erfolgreich waren und sind der FC Locarno am Lago Maggiore sowie der FC Chiasso aus der kleinen Grenzstadt, einst ein Schmugglerparadies. Beide Vereine waren aber immerhin Stammgäste in der Nationalliga B. Der FC Chiasso war der Stammclub des Internationalen und Mittelstürmers Marco Grassi (FC Zürich, Servette Genf, AS Cannes), der nach seiner Karriere als solventer Clubpräsident amtete. Und beim FC Locarno, im „Stadio Lido“, kickte unter anderem der deutsche Regisseur Paul Schönwetter, dem das schöne Wetter in der Sonnenstube der Schweiz offensichtlich gefiel.

Weitere grosse Namen im Tessiner Fussball: Mario Prosperi, der Goalie, Valon Beharmi, der „Krieger“ und Teilnehmer an vier Weltmeisterschaften (2006-2018), der heutige Nationaltrainer Vladimir Petkovic, der in Bellinzona aufwuchs, schliesslich junge Talente wie Tossetto oder Bottani.

Wie sieht es heute aus im Tessin? Der FC Lugano gehört momentan zum Spitzenquartett der Liga, allerdings wirken in der Startelf ausser Sandro Bottani kaum noch Tessiner mit. Die AC Bellinzona hat sich wieder in die dritte Liga hinaufgekämpft, der FC Chiasso kämpft in der zweiten Liga gegen den Abstieg, der FC Locarno und das einst starke Mendrisiostar (jetzt: Mendrisio-Stabio) sind im Amateurfussball angelangt. Ein paar Kilometer jenseits der Grenze kämpfen die Mailänder Grossclubs sowie Varese und Monza um die Gunst der Tifosi. Schwierig abzuschätzen, ob die Tessiner Vereine auch in Zukunft reüssieren können.

 


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