BRÄNDLES BALLBERICHT


 

„Der Tribblerkönig von Walferhausen“

Fussball im Schweizer Dorf in den 1920er Jahren

Fabian Brändle

 

Im Jahre 1968 veröffentlichte Heinrich Angst seine „Erinnerungen aus Alt-Walfershausen“, eine Rückschau auf das dörfliche Leben von einst, gleichsam eine Art „Kessel Buntes“ aus einer Welt von Flarzhäusern, Gaslaternen und Korbflechtern. Der detailreiche, bisweilen humorvolle Bericht ist aber nicht nur ein Schwanengesang auf eine untergehende ländliche Kultur. Bereits unmittelbar nach dem ersehnten Ende des Ersten Weltkriegs kam es wie anderswo zu einschneidenden Veränderungen. Wandel, so eine Lehre aus der Lektüre von Heinrich Angsts 40-seitigen Jugenderinnerungen, ist eine Konstante in der Weltgeschichte.

 

Wenn sich das Rad der Geschichte zurückdreht

 

Ende der 1960er Jahre, mitten im „Kalten Krieg“, war H. Angst bereits ein erfahrener Mann und unter anderem Zeitzeuge von zwei Weltkriegen. Er machte sich nun daran, seine Jugendzeit zu beschreiben, das Rad der Geschichte zurückzudrehen, wie er schrieb. Gemeinsam mit alten „Altwalfershausern“ habe er viele Gespräche über die „einstigen heimeligen Flecken der Jugendjahre“ geführt, über alteingesessene Familien, schräge Vögel, Zuwanderer aus Italien, über Bauern, Sticker, Handwerker, Gewerbetreibende, kleine Ladenbesitzer.

 

So gab es im Dorf noch einen Sattler, der sämtliche Lederarbeiten ausführte, Treibriemen herstellte oder defektes Ledergeschirr von Zugtieren (v.a. Ochsen, Pferde) reparierte. Schuhmacher Baur, ein eigenwilliger, schrulliger Mann, klopfte seine Lederstücke noch nach traditioneller Manier zurecht. Er tauchte plötzlich, wie aus dem Nichts, auf und hielt den wilden Buben gerne Moralpredigten. Eine „Butik“ führte Bodenleger Jakob Brack, der unter anderem Bodenriemen falzte, eine Präzisionsarbeit. Wie andere Einheimische auch ging Meister „Schaag“ nach Feierabend ins Wirtshaus, wo er „Müsterchen und Episoden aus der Zeit seiner Wandergesellenjahre“ hervor­kramte.

 

Ein nachdenklicher Mann war Schreinermeister Sollberger, dessen Grundsatz lautete: „Gute Arbeit – guter Preis“. Eine „patriarchalische“ Gestalt war der „tiefernste“ Ernst Murer, der mit seiner Tochter ein gut besuchtes „Textillädeli“ führte, mit einem „Mäppli unterm Arm religiöse Blättli und Broschüren“ vertrug und milde Gaben sammelte. Das Zürcher Oberland war seit jeher bekannt für seine Pietisten gewesen. Neo-Pietisten und evangelischen Freikirche, im Volksmund „Stündeler“ geheissen. Ein so gut wie ausgestorbenes Handwerk betrieb der Korb- und Sesselflechter, der Lehnstühle, Rohrsessel, Körbe, „Krätzen“ oder Teppichklopfer herstellte. „Erstaunlich war seine präzise Fertigkeit in der Herstellung von geflochtenen Kinderspiel­zeugen.“ Der grantige Mann mochte die Bubenspiele (Stelzenlaufen, Armbrustschiessen, Seifenkistenrennen, „Fänschterpöpperle“ etc.) nicht leiden. Wenn er einen „Lärmer“ erwischte, benützte er den Teppichklopfer für eine saftige Strafe! Eine „Frohnatur“ war hingegen der Italiener Giuseppe Mastai, „de Hüehnersepp“, der mit dem „Fäderwägeli“ Hühner und nebenbei auch „heisse Maroni“ verkaufte.

 

„Unsitte“ Fussballspiel

 

Die ältere Generation war gar nicht begeistert, als sich in den 1920er Jahren König Fussball daran machte, auch in Walfershausen den Thron zu besteigen. „Einige Zeit, bevor es in Wetzikon einen Fussballklub gab, sah man in Walfershausen einzelne Bubengrüppchen dieses damals noch unbekannte Spiel betreiben.“ Somit waren die Walferhausener fortschrittlicher eingestellt als die Wetziker! Als die Jugendlichen es aber wagten, den Spielplatz auf benachbarte Wiesen mit ebenen, weiträumigen Flächen zu verlegen, stiessen sie auf den erbitterten Widerstand der Landbesitzer. Für die Bauern war die „chaibe Ginggerei“ ein Quell steten Ärgernisses. Sie vertrieben die Okkupanten mit „unmissverständlichem Geisselschwingen“. Dank eines Gönners wurden die Fussballpioniere schliesslich auf der Blaketenwiese für einige Zeit sesshaft.

 

Zur raschen Popularisierung des aus England importierten Sports trug bei den Jugendlichen das überragende Abschneiden der Nationalmannschaft an den Olympischen Spielen von 1924 in Paris bei. Die „Nati“ verlor erst im Final gegen die damals weltbeste Mannschaft aus Uruguay, den ersten Weltmeister von 1930.

 

Zu einem echten Lederball fehlten die finanziellen Mittel allenthalben, so dass sich die Buben mit Konservenbüchsen, „aufgepumpten Schweineblasen“ oder auch kleineren Hartgummibällen behalfen. Ein Beobachter des wilden Kicks war „de Wiise Dölf“ (Adolf Weiss, 1891-1967), ein stämmiger Mann, der auf dem Nachhauseweg persönlich ins turbulente Spielgeschehen eingriff, sich als „Tribblerkönig“ mit allerhand „Trickli und Mätzli“ einen Namen machte und die „grünen Anfänger“ nach allen Regeln der Kunst düpierte. Er war in späteren Jahren ein beliebter Spielertrainer:

 

„Die Schar der Walfershauser Fussballpioniere wuchs mit der Zeit zu einer stabilen Mannschaft heran. Aus der anfänglich planlosen Kickerei entwickelte sich allmählich ein ausgeklügeltes, routiniertes Mannschaftsspiel. Auch in anderen Gemeindeteilen begann nun die «Tschuterei» grosse Mode zu werden. Bald wurden die Mannschaften der Unter- und Oberwetziker, Robenhauser, Kemptner und Robänkler in die «Höhle» der Walfershauser eingeladen. Nun, die Fussballschlachten am Fusse der Egg verliefen keineswegs monoton und zimperlig. Die Grundsätze von Fairness und Ritterlichkeit konnten nicht durchwegs eingehalten werden. Es waren mehrheitlich heiss umstrittene, verbissene Duelle. Fehlende Balltechnik wurde durch Schnelligkeit und Härte wettgemacht. Die ehrgeizigen Walfershauser mochten es nicht ertragen, wenn sie mitunter geschlagen vom Platze gehen mussten.“

 

Die beiden grössten Talente aus Walfershausen waren durchaus völlig gegensätzliche Spielertypen. Der drahtige, braungebrannte Chueri Rietli war als Bauernknecht ein knüppelharter Verteidiger mit einem knallharten Schuss. Als ruppiger Zweikämpfer rempelte er, wenn er für einmal zu spät kam, seine Gegner zu Boden. Wenn er einen Elfmeter trat, „kamen zum Gaudium des schadenfreudigen Publikums oftmals zwei Dinge geflogen: Ein Ball, und – Chueris allzu grosser Holzbodenschuh!“

Eine technisch wesentlich feinere Klinge führte demgegenüber der wieselflinke, wendige Stürmer „Berthel“ Aellig (1908-1967), ein Vertreter, der wegen seiner Umgänglichkeit und seines Könnens mit dem englischen Namen „James“ geadelt wurde.

 

Die schlagkräftige Dorfmannschaft schlug zuhause vor lärmendem Publikum manchen höher dotierten Gegner aus viel grösseren Ortschaften und trat nun sogar mit grünweiss gestreiften Leibchen, weissen Hosen und „hochglanzpolierten Fussballschuhen“ auf. Die wilde Truppe nannte sich nun forsch „SC Victoria“. Man begann, auf Teamsitzungen etwas „hoffärtig“ von einem kleinen Stadion samt „ins Eggbord eingebauter“ Zuschauertribüne und von einem eigenem Clublokal sowie von einem „sorgfältig ausplanierten Sportplatz“ zu phantasieren. Nach einem Besitzerwechsel mussten die jungen Männer ihre angestammte Wiese jedoch sofort verlassen. „Das Spielfeld wurde geräumt, Goalstangen und Cornerfähnli wanderten einstweilen auf irgendeinen Dachboden. Der Stern des SC Victoria schien zu versinken.“

 

Im Jahre 1922 wurde im grossen, industrialisierten Nachbardorf der FC Wetzikon gegründet. Manche „Walfershausener Fussballidole“ schlossen sich dem neuen Club trotz einer gewissen Rivalität an und halfen mit, diesen Verein zu einer regionalen Grösse zu machen.

 

            Quelle: Angst, Heinrich. Erinnerungen aus Alt-Walfershausen. Kempten-Wetzikon 1968.


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