BRÄNDLES BALLBERICHT


 

Come on your Boys in Green

Ein paar Dinge, die ich über den irischen Fussball weiss

 

Fabian Brändle

 

Die irische Fussballliga ist relativ schwach. Zwar wimmelt es von Traditionsvereinen wie den Bohemians, Shamrock Rovers, Sligo Rovers oder Galway United, doch haben die Clubs deutlich zu wenig Geld, um in Europa mithalten zu können. Die Shamrock Rovers, Irlands Nummer eins, und Dundalk erreichten schon die Gruppenphase der Euroleague, immerhin. Dort wurden den beiden Vereinen indessen die Limiten aufgezeigt.

Die Zuschauerzahlen bleiben bescheiden in Irlands höchster Spielklasse. Eine Ausnahme bildet der Derry City FC aus Ulster, der als katholisches Aushängeschild Nordirlands in der Republik Irland mittut und auch zu Auswärtsspielen einige hundert Fans mobilisieren kann. In Nordirland war Linfield aus Belfast der Hassgegner Derrys. Physische Gewalt bei diesen Spielen war allgegenwärtig. Nicht zuletzt deshalb beschlossen Nordirlands protestantische Funktionäre, den Abgang Derrys (oder Londonderrys, wie sie sagen) in den Süden zu fördern. Geld, um namhafte ausländische Spieler, Trainer oder auch nur Talente zu verpflichten oder zu halten, ist kaum vorhanden. Zudem konkurrieren Rugby, Hurling und Gaelic Football mit dem etwas marginalisierten Fussballsport.

Die Insel ist nicht mehr allzu dicht bevölkert, und die traditionell als keltisch imaginierten Sportarten ziehen mehr Zuschauerinnen und Zuschauer an als der Fussball, so dass sich so mancher junge sportliche Mann dazu entscheidet, Hurling- statt Fussballspieler zu werden. Viele Talente des irischen Fussballs wurden in England geboren und haben vielleicht irische Grosseltern oder Eltern als Vorfahren. Sie erhalten relativ schnell und unkompliziert den Pass und somit die Lizenz, für Irland (die FAI) zu spielen.

Die Spielerdecke der Republik ist dennoch dünn. Manch ein Nationalspieler kickt in der zweiten oder gar in der dritten englischen Division oder in Schottland bei den Hibs oder in Motherwell, Vereine von bescheidenem spielerischem Niveau. Früher galten Iren in England im Gegensatz zu Kontinentaleuropäern nicht als Ausländer, und die Topteams wie der FC Liverpool, Manchester United oder Arsenal London wussten meistens einige irische Leistungsträger in ihren Reihen.

Bei Arsenal wirkten in den späten 1970ern Liam Brady (später Juventus, Internazionale) und Frank Stapleton als kongeniales Duo. Liam Brady, der von vielen Experten als bester irischer Fussballer aller Zeiten eingeschätzt wird, erzielte als offensivstarker Regisseur nicht nur viele Tore, sondern fütterte Mittelstürmer Frank Stapleton auch mit präzisen hohen Flanken, welche dieser zu verwerten wusste. Leider hat Liam Brady niemals an einer grossen Endrunde mitgespielt, sonst wäre er auch auf dem Kontinent bekannter, genauso wie das Belfaster Idol George Best (Manchester United), der mit Nordirland auch niemals etwas reissen konnte.

Die Generation nach Liam Brady war als Kollektiv stark und erreichte mehrere Endrunden. Pat Bonner im Tor, Mick McCarthy, Paul McGrath, Ray Houghton, Andy Townsend, Steve Staunton, Tony Galvin, Kevin Sheedy, Ronnie Whelan, Tony Cascarino, Pat Quinn oder John Aldridge waren gute bis sehr gute Spieler, welche die irischen Tugenden Kampfgeist, Zweikampfstärke, Härte,  Tempo und den Kopfball sowie die hohe Flanke einzusetzen wussten und, zumal in Dublin, für jeden Gegner unbequem waren.

Euphorie auf der Insel löste Ray Houghtons schöner Kopfballtreffer an einer EURO gegen England aus, der das Spiel zugunsten der „Boys in Green“ entschieden hat. Die zahllosen Fans im Stadion und zuhause in den Pubs besangen den legendären Erfolg gegen den Erzrivalen aus vollen Kehlen.

Die Fans der Republik stehen im Ruf, loyal und trinkfest zu sein, nicht ohne Grund. Sie singen ganz in der Tradition eines Paddy Maloney oder Luke Kelly und feuern ihr Team über 90 Minuten an.

Nach dieser „goldenen Generation“ unter dem kürzlich verstorbenen populären englischen Trainer Jackie Charlton, Weltmeister 1966, ein Urgetier von Leeds United, genannt die „Giraffe“, fingen exzeptionelle Spieler wie Roy und „Robbie“ Keane (Tottenham, Rekordtorschütze), Torhüter Shay Given (Newcastle United), David Irvine oder Pat Finnan den Niedergang der Nationalmannschaft einigermassen auf, ohne an Endrunden zu brillieren. Momentan herrscht leider eher wieder Flaute, das Team vermag sich kaum und wenn nur mit Mühe für eine EURO oder für eine WM zu qualifizieren. Mittlerweile drücken auch andere europäische Teams gewaltig aufs Tempo, und manch ein irischer Nationalspieler ist doch technisch einigermassen limitiert und kann auf engem Raum nichts mit dem Ball anfangen. Die Iren kommen kaum einmal in die gefährliche Zone, um ihre hohen Bälle anzubringen.

Was nichts heissen muss: Als die Schweiz in den 1980er Jahren einmal im alten Dubliner Stadion zu einem wichtigen Qualifikationsspiel auflief, spöttelten die stolzen Eidgenossen nach dem Videostudium über die technischen Limiten der Iren. Namentlich Aussenverteidiger Linighan von Oxford United sei spielerisch sackschach, so der Tenor. Nun, das Spiel ging sang- und klanglos mit 0-3 verloren, nachdem der brave Linighan 90 Minuten lang Dampf über die Aussenbahn gemacht hatte.

 


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