BRÄNDLES BALLBERICHT


 

Tatagg muss es machen, nicht taggtagg

Zur Taktikfrage

 

Fabian Brändle

 

Manchmal werde ich nach Lesungen gefragt, wie denn nun meiner Meinung nach das Heimteam, beispielsweise der FC Winterthur, taktisch gesehen zu spielen habe. Ich antworte dann ausweichend. Eine goldene taktische Regel gebe es nicht, die taktische Ausrichtung hänge vom zur Verfügung stehenden Spielermaterial ab. Die besten Trainer würden ihre Spielphilosophie nicht stur durchziehen, sondern seien flexibel, was die taktische Formation betreffe.

Natürlich bin ich Historiker und nicht Fussballtrainer. Doch wie Sie verfolge ich den Fussball seit Jahrzehnten intensiv, auch im Stadion, namentlich im Zürcher „Letzigrund“, aber auch in anderen Schweizer Spielstätten. Ich habe Spielsysteme kommen und gehen sehen, mochte das spanische  Tiqui-Taca gar nicht und bin nach wie vor Anhänger eines offensiven Flügelspiels mit gut-britischem Forechecking. Für mich gilt nicht, was vor vielen Jahrzehnten ein bekannter schottischer Trainer zum Besten gab: „Flach spielen, hoch gewinnen.“ Ich mag hohe Bälle nach vorne, Kopfballduelle, das Nachsetzen auf den zweiten Ball, Flanken, Kopfballtore, Kopfballvorlagen, wie sie der Ire Pat Quinn so meisterhaft beherrschte, Hechtköpfler.

Ich sah noch den Libero, der die Abwehr ordnete und Impulse gegen vorne gab. So manch ein Libero stabilisierte eine schwächelnde Abwehr, so manch ein Vorstopper wuchs an der Seite eines genialen Liberos wie Franco Baresi (Milan) zu einem grossartigen Manndecker heran. Deutschland wurde mit Libero Matthias Sammer (Dortmund) unter Hans-Hubert Vogts mit einem an sich veralteten System Europameister, als alle anderen Trainer im Turnier bereits auf die Viererkette umgestellt hatten.

Nun ist die Dreierkette modern geworden, mit dem Resultat, dass es in der umkämpften Mittelfeldzone noch enger, noch unbequemer geworden ist. Dort treibt schon die Doppelsechs ihr Unwesen. Zwei Athleten vom Schlage eines Paul Pogba (Manchester United) würgen jegliche Kreativität ab, notfalls auch mit taktischen Fouls wie Halten oder Am-Leibchen-Ziehen. Es gibt keinen Raum mehr für die traditionelle Nummer zehn, Regisseure und Standfussballer wie Netzer, Schuster, Platini und Maradona haben abgedankt. Balleroberung um jeden Preis ist mittlerweile angesagt. Doch wohin mit dem gewonnenen Ball? Querpass, Rückpass. Darin war der bei den Fans unbeliebte, intrigante Schweizer Johann Vogel (Grasshopper, PSV Eindhoven) ein Meister. Ein Meister der Langeweile, des Sicherheitsspiels. Nur nichts riskieren, nur keinen Steilpass in die Spitze hinein wagen.

Manche Dinge haben sich bewährt. Wäre ich Trainer, würde ich nach wie vor mit zwei Spitzen angreifen lassen, einem kleinen Dribbler und einem grossgewachsenen Kopfballungeheuer, der Wege freiräumt und abtropfen lässt.

Mögen Sie sich noch an den „one touch football“ Arsenals erinnern, unter Trainer Arsène Wenger, dem moderat linken elsässischen Propheten eines anderen Fussballs? Das war schön anzuschauen, durchaus spektakulär, aber fehleranfällig. Und nur Weltstars wie Thierry Henry oder Denis Bergkamp waren in der Lage, dieses komplizierte System zu verwirklichen. Nichts für die Zweite Bundesliga.

Klar, tatagg muss es machen, Pass, Schuss, nicht taggtagg, Pass-Pass. Direkte Doppelpässe knacken noch immer jede Abwehr. Und dann nicht lange fackeln, sondern grad schiessen. So wie es der legendäre ungarisch-jüdische Trainer Bela Guttmann seine Jungs von Benfica Lissabon um Eusebio gelehrt hat.

 


webmastered by DER TÖDLICHE PASS
dertoedlichepass@gmx.net